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Der steinige Weg zur Inklusion

Gestern am 05.05. war ich zu einem Fachtag für den Braunschweiger Aktionsplan eingeladen. Nun ist es Zeit Bilanz zu ziehen.

In den vergangenen Jahren hat eine Arbeitsgruppe unter dem Namen „Braunschweig inklusiv“ Leitlinien zur Erstellung eines Aktionsplans erstellt. Der Fachtag sollte dazu dienen konkrete Vorschläge an die Stadt zu formulieren.

Organisiert wurde die Veranstaltung von der Lebenshilfe Braunschweig. Eingeladen waren auch der Behindertenbeirat und weitere Gäste.

In der Eröffnungsrede wurde zwar die Präambel der Leitlinie vorgelesen, aber keine konkreten Punkte hieraus. Weiterhin wurden Bedeutung und Funktionsweise der UN-BRK besprochen. Das mag zwar für einzelne Teilnehmer neu gewesen sein, aber von einem Fachtag würde ich erwarten, dass diese Grundlagen vorher bekannt sind.

Im Kern wurde in Arbeitsgruppen an Vorschlägen gearbeitet. Dabei wurde das Thema Bildung und Erziehung kurzer Hand gestrichen. Die Gruppe wäre nicht voll geworden hieß es. Leider gab es vorher keine Möglichkeit sich für eine Gruppe anzumelden bzw. die Einteilung wurde nicht auf der Anmeldung abgefragt. Ausgleichend zu diesem Ausfall wurde das Thema Wohnen in zwei Gruppen bearbeitet. Es ist bezeichnend, wenn ein so grundlegendes Thema wie Bildung und Erziehung durch eine Zusatzgruppe für das Wohnen ausgetauscht wird. Wohnen ist zwar für die Klienten der Lebenshilfe sicher ein wichtiges Thema, aber aus meiner Sicht nicht gegen ein so zentrales Thema wie die Bildung zu tauschen.

Die Einladung kündigte an, dass der Veranstalter ermitteln wolle, welche Projekte durch Kompetenz und Knowhow der Lebenshilfe unterstützt werden können. Von Projekten war allerdings in den Arbeitsgruppen kaum noch die Rede.

Im abschließenden Plenum wurden eine Reihe allgemeiner Punkte zusammengetragen, die auch hätten von einer Taskforce hätten erstellt werden können. Es bleibt abzuwarten, welche davon als konkrete Vorschläge und Forderungen an die Stadt weitergegeben werden.

Mein Fazit fällt dürftig aus. Kommentare zu den Leitlinien wurden auch in den Arbeitsgruppen zum jeweiligen Thema überhaupt nicht erwähnt geschweige denn berücksichtigt – schön dass sich Leute die Zeit genommen haben, diese zu formulieren. Der Verzicht auf Bildung wurde mehr oder weniger deutlich damit begründet, dass dies nicht im Bereich der Lebenshilfe liege. Genau, wir sind so inklusiv, dass wir nur das bearbeiten, was unserer Klientel hilft, aber bloß keinen anderen betroffenen Menschen oder gar Kindern in der gleichen Stadt? Können wir nicht über den Tellerrand hinausschauen und ist die Inklusion selbst in den eigenen Reihen noch nicht wirklich angekommen? Ein Teilnehmer merkte an, dass in den Büros der Lebenshilfe offen bar noch keiner der betroffenen selbst arbeitet. Wie wollen wir da Inklusion von unserer Umwelt einfordern?

Die Arbeitsgruppen wurden von mehrköpfigen Moderationsteams geleitet, die alle offenbar hauptamtlich bei der Lebenshilfe beschäftigt sind. Deshalb hätten die Ergebnisse konkreter und präziser sein müssen. Es ist nicht ausreichend, ein paar Schlagworte zu sammeln und diese zu clustern. Es wäre ein Erfolg gewesen, wenn aus jeder Arbeitsgruppe ein oder zwei konkrete Vorschläge mit Lösungsvorschlägen erstellt worden wären.

War die Veranstaltung also sinnlos oder gar überflüssig? Ich denke nicht! Zumindest bleibt zu hoffen, dass einige der Punkte wirklich bei Verantwortlichen landen. Ich selbst habe einen anderen Blick auf die Situation in den Werkstätten bekommen und mir ist klar geworden, wie weit der Weg für diese Menschen hin zur Inklusion noch ist.

Wie bei so vielen großen Visionen besteht der Weg aus vielen kleinen und mühsamen Einzelschritten, die alleine nur wenig Sinn ergeben. Wer diesen Weg wirklich will, muss wohl Veranstaltungen wie diese besuchen und versuchen das Beste daraus zu machen, denn es sind immer viele Akteure mit unterschiedlichen Interessen aktiv.