Wie bin ich eigentlich hierher geraten

Gerade habe ich mich in die Entwicklung komplexer Dreischicht-Applikationen mit Java eingearbeitet. Feststeht: Es gibt zwar wie immer hier und da Probleme mit der Zugänglichkeit, aber im Großen und Ganzen funktioniert es erstaunlich gut. Ich bin sicher nicht der einzige blinde Entwickler auf diesem Gebiet, aber viele sind es wohl nicht – ich selbst kenne bislang niemanden.

Andererseits gibt es in der IT quasi keinen Nachwuchs unter den blinden und sehbehinderten. Das hat mich lange verwirrt und es schien, als hätte ich als einziger ein großes und für alle sichtbares Schild übersehen, auf dem die richtige Straße angezeigt wurde. Ich bin vielleicht nicht auf den Kopf gefallen, aber ich denke nicht, dass ich mich so stark von meinen Schul- und Internatskameraden unterscheide, um das zu erklären. OK, IT ist tatsächlich nicht jedermanns Ding, aber die Berufsfelder, die für uns in Frage kommen, waren noch immer an zwei Händen abzuzählen und es war eher die Frage, welche Optionen es überhaupt gibt. Ist die IT vielleicht gar nicht erst als mögliche Option bekannt? Sind die Voraussetzungen wirklich so schwer zu erreichen?

Ich verurteile hier niemanden und will mich vor allem erst recht nicht über andere erheben.

Was also hat mich auf diesen anderen Weg gebracht? Beginnen wir systematisch und an Anfang

Starthilfe

Ich hatte das große Glück, dass meine Eltern selbst blind bzw. sehbehindert sind. Außenstehende finden, dies sei doppeltes Unglück. Aber für mich als Kind war es, als wenn man ein Computerspiel mit einem erfahrenen Kumpel durchspielt, der über die Hindernisse weiß und gute Ratschläge gibt.

Um mich nicht bereits mit sechs Jahren auf ein Internat geben zu müssen, rangen sie den Behörden die Erlaubnis ab, mich am Wohnort integrativ beschulen zu lassen. Die Grundschule stimmte zu und meine Eltern kümmerten sich in Eigenregie um die blindenspezifischen Hilfsmittel und Techniken wie Blindenschrift. Sie haben mir nie vorgehalten, was sie alles für diesen Schulbesuch unternahmen, aber es wurde auch nicht versteckt. Z.B. mussten alle Texte, die evtl. in der Schule verwendet werden würden manuell in Blindenschrift abgetippt werden. Das hat viele Vormittage gekostet und wenn ich schulfrei hatte, konnte ich das ganze direkt erleben. Man könnte sagen, dass ich in gewissem Sinne auf dieses Niveau kalibriert wurde. Durch die Unterstützung durch die Lehrer und die offenen Mitschüler ist die Integration gut gelungen. Mir hat es ein soziales Umfeld am Wohnort gegeben und ich bin im Bewusstsein aufgewachsen anders zu sein als die anderen.

Internat und Schule in Hamburg

1986 war noch kein erschwingliches System zur Übertragung von Normal- in Blindenschrift verfügbar. Dadurch war eine Beschulung am Wohnort ohne noch viel größeren Aufwand nicht mehr zu leisten. Ich war ein wenig zu früh dran – heutzutage sind die technischen Möglichkeiten völlig anders. Also ging ich auf das Internat und wurde dort integrativ in der Heinrich-Herz-Schule unterrichtet. Der Unterricht selbst war ähnlich wie zu hause – alleine in einer Klasse aus sehenden Schülern. Allerdings gab es dort Lehrer, die die Klassenarbeiten von Blinden- in Normalschrift übersetzten und sich um das notwendige Unterrichtsmaterial kümmerten. In der Grundschule hatten meine Lehrer selbst Blindenschrift gelernt, um meine Arbeiten etc. kontrollieren zu können. Am Ende habe ich neun Jahre meiner Schulzeit integrativ verbracht. Das ich anschließend noch fünf Jahre in einer Blindenschule verbrachte hing nur damit zusammen, dass es keine integrative Realschule gab und man der Meinung war, mir würden gewisse blindentechnische Grundlagen fehlen. Genau, ich flog mit mangelhaften Sprachkenntnissen vom Gymnasium! Der Bildungsunterschied zwischen dem integrativen Gymnasium und der Blindenrealschule war eklatant. Dadurch konnte ich mich in Ruhe reorganisieren und fand den Spaß am Lernen wieder.

Ein prägendes Erlebnis

Irgendwann kurz vor meiner Teenagerzeit bekam ich gemeinsam mit meinem Bruder einen Homecomputer zu Weihnachten. Natürlich gab es hier keinerlei Sprachausgaben und ich konnte keinerlei Schrift erkennen. Unsere Eltern haben darüber wohl nicht viel nachgedacht, sonst hätten sie vielleicht vermutet, dass ich damit gar nichts anfangen konnte. Dummerweise war mein Interesse für das Ding größer als bei meinem Bruder, sodass ich mich irgendwie damit beschäftigte. Irgendwie habe ich mir eine Grundlage in Basic zugelegt und meine Programme durch Einbetten von Tönen überprüft. In einem früheren Artikel habe ich das bereits erwähnt. Das hat mich in gewissem Sinne angefixt und da die Berufsmöglichkeiten für blinde Menschen eh begrenzt sind, sollte sich später daraus eine Art logische Konsequenz ergeben. Die Programme, die ich erstellt hatte waren natürlich winzig, aber im Kern hatte ich mir eine Lösung erarbeitet und dabei viel Spaß gehabt.

Ein wirklich guter Rat und warm up

Als ich 1992 zur Erprobung für die Programmiererausbildung in Heidelberg war, riet mir einer der dortigen Azubis, mir vor der Ausbildung einen eigenen Computer inkl. Braillezeile anzuschaffen, um dort unabhängig von der anderen Technik arbeiten zu können. Damals haben sie dort noch Großrechner und Terminals verwendet. So kam es, dass ich 1993 meinen ersten Computer inkl. Braillezeile privat finanzierte. Das System sollte später noch ein zentraler Baustein in meiner Ausrüstung und Unabhängigkeit sein.
Ich konnte die nächsten Jahre nutzen, um mich in Ruhe und ohne Zeitdruck mit der Technik vertraut zu machen und meine ersten Gehversuche in der Pascal-Programmierung zu wagen. Neben den Vorteilen für den EDV-Unterricht in der Schule lief ich mich (freilich ohne es zu wissen) für die nächsten aufgaben warm. Für mich war es nichts anderes, als ein Hobby auszuüben.

Die Feuertaufe

Leider wurde die Ausbildung, die ich nach wie vor anstrebte, für ein Jahr in Heidelberg wegen Umstrukturierungen ausgesetzt. Ich hätte also nach der höheren Handelsschule ein Jahr Leerlauf gehabt. Deshalb suchte ich nach einem Praktikumsplatz, um zusammen mit dem Schulabschluss dadurch die Fachhochschulreife zu erwerben. Das war ziemlich schwierig und ich habe viele Absagen erhalten. Zum Glück arbeitete einer meiner Judokameraden in einer kleinen Werbeagentur und hat meine Bewerbung dort vorgelegt. Ich erhielt eine Chance – und was für eine.
Der Betrieb verwendete ein Windows-NT-Netzwerk und im Steinzeitalter der Windows-Screenreader gab es nur eine verfügbare Software namens Protalk. Um auszuloten, welche Aufgaben ich übernehmen könnte, haben wir einen Tag lang die im Unternehmen verwendete Software mit Protalk getestet. Mit dabei war Torsten Brand, der damals Protalk in Deutschland vertrieben hat und seinerzeit den Symbian Handys das Sprechen lehrte. Die Katastrophe hätte nicht größer ausfallen können – sämtliche irgendwie für das Unternehmen relevanten Anwendungen bestanden den Test nicht! Nur eine einzige Anwendung hielt stand – Microsofts Visualstudio 4.2! Wieso die Agentur eine VS-Lizenz hatte, was ich nicht. Da beim Test auch die Dosbox durchgefallen war, gab es technisch nur eine einzige Möglichkeit, mich sinnvoll zu beschäftigen: Programmieren von Windowsprogrammen mit C++.
Für das Praktikum habe ich meine private Braillezeile verwendet und habe somit den Kampf um Hilfsmittel für ein Praktikum umgangen – abgesehen von protalk natürlich. Wieder war ich wohl etwas zu früh dran, denn JAWS war für Windows-NT noch nicht verfügbar und die protalk-Installation war so instabil, das alle zwei Wochen der Rechner vollständig neu installiert werden musste. Erst mit besserer Hardware und mehr Speicher lief das System etwas stabiler.
Ohne jede Kenntnis von C oder C++, von Objektorientierung oder Windowsprogrammierung arbeitete ich mich ein und erhielt den Auftrag Daten aus einer Datenbank abzurufen und grafisch darzustellen.
Es hat fast das ganze Jahr gedauert, und ich habe wohl alle Fehler gemacht, die möglich waren, aber am Ende war die Anwendung umgesetzt und lief. Viel passender hätte ein Praktikum mich kaum auf den nächsten Schritt vorbereiten können.

Zurück zu den Wurzeln

Ungefähr nach der Hälfte des Praktikums habe ich Kontakt zur Ausbildungseinrichtung aufgenommen – das Praktikum sollte ja nur eine Warteschleife sein. Nachdem ich kurz über meine Aktivität im Praktikum berichtet hatte, meinte der Ausbildungsleiter, dass ich bei Ihnen leider falsch wäre. mehr als ein Crashkurs in ein paar Wochen könnten Sie mir nicht anbieten – Visualstudio war als letzter Baustein in der Ausbildung vorgesehen. Und was jetzt? Einzige Möglichkeit: Studieren!
Zunächst versuchte ich, mich in Dresden zu bewerben, weil dort ein Studienzentrum für Sehbehinderte und Blinde Menschen vorhanden war. Weil mir aber das Abitur fehlte, hätte ich an der FH studieren und von der Uni betreut werden müssen. Alles ziemlich kompliziert, und nach dem mein Privater Antrieb nach ‘Dresdn zu gehen entfallen war, stellte sich die Frage, wohin? Vom Zentrum in Gießen wusste ich nichts und so fragte ich bei der lokalen FH in Emden an. Dort war man generell offen für einen blinden IT-Studenten und bereit es zu wagen. Also wieder die Integration in Eigenregie in Ostfriesland!

Durch das Praktikum und der früheren Integration war ich quasi auf Betriebstemperatur. Mit 21 Jahren hatte ich die notwendige Energie und meine Hilfsmittel beherrschte ich in allen Funktionen. Damit waren alle Voraussetzungen gegeben, mich um meine eigene Integration im Studium zu kümmern – Alternativen gab es ja ohnehin nicht.

Meine Bewaffnung bestand neben dem bereits erwähnten Laptop, das mit Braillezeile über sieben Kilo wog, aus einem Braille’n Speak 2000 und einem Sharp MD-Player mit zusätzlichem Krawattenmikrofon. Alles war darauf ausgerichtet, möglichst mobil und portabel zu sein. Das Mikrofon ließ es zu irgendwo im Hörsaal zu sitzen und nicht an bestimmte Plätze gebunden zu sein. Mobilität und lange Netzunabhängigkeit waren für mich die Kernvoraussetzungen, die ich an meine Hilfsmittel gestellt habe. Ich wollte nicht an bestimmte Plätze gebunden sein und dadurch den Kontakt zu denen verlieren, mit denen ich vor einer Vorlesung gesprochen hatte. Das bedeutete auch, dass ich keine speziellen Bedürfnisse hatte, in welchen Räumen Veranstaltung für mich stattfinden konnten.

Vor Studienbeginn hatte ich einen einwöchigen Crashkurs im Mobilitätstraining für die Gegebenheiten in der FH – damit ich also zur Mensa etc. finden konnte. Auch dies war unerläßlich um alleine und eigenständig die wichtigsten Wege bewältigen zu können. Die FH war zum Glück recht klein, sodass sich alles relativ schnell einprägte.

Damit ich gar nicht erst eine Sonderstellung hatte und “der Blinde mit der Begleitung” wurde, besuchte ich die Einführungsveranstaltung bewusst alleine. Bei der anschließenden Rally hat mich dann jemand der Kommulitonen mitgenommen. Schon am nächsten Tag sollte ich die ‘Gelegenheit erhalten, meinen Mut und Willen unter Beweis zu stellen. Die Erste Vorlesung: Mathe! Nach kurzer Einführung begann Prof. Engelmann schweigend an die Tafel zu schreiben. Mist! Natürlich konnte er nicht wissen, dass er mich damit abhängte. Also bin ich direkt nach der Vorlesung zu ihm gegangen und habe das Problem erläutert. Gleichzeitig schaltete ich quasi in den abgesicherten Modus und nahm alle Mathevorlesungen mit dem MD-Player auf. Zum lernen wären die Aufnahmen ungeeignet gewesen. Deshalb musste ich sie zuhause in für mich lesbare Blindenschrift (Mathe ist bei dem begrenzten Zeichensatz schnell kryptisch) abschreiben. Das hat noch einmal die doppelte Zeit gekostet, sodass aus 10 Stunden Mathe 30 im ersten Semester wurden. Dazu kamen natürlich noch die anderen Vorlesungen und Übungen.

Über das gesamte Studium verteilt gab es eine Reihe von Hürden, bei denen ich mit den Dozenten Lösungen finden musste. Natürlich musste vor allem ich die Lösungsidee entwickeln, denn die Probleme und möglichen Alternativen waren ihnen nicht bekannt. Das war mir von Beginn an bewusst und habe deshalb versucht möglichst frühzeitig die Hindernisse zu beseitigen.

Ein alltägliches Problem bestand im Einlesen von Aufgaben und Übungen. Alles, was Formeln enthält, läßt sich nicht mit OCR erfassen und so war ich auf meine Kommulitonen angewiesen. Für sie war es keine Mühe etwas vorzulesen, aber dafür musste ich eine Art Gegenleistung bringen. Im Großen und Ganzen ist mir das mit Einsatz in allen Bereichen in denen ich helfen konnte gelungen – es geht bei solchen Gegenleistungen ja nicht um die Quantität, sondern den Willen das mögliche zu tun.

Aber auch die Professoren haben viel dazu beigetragen, indem sie sich bemühten Lösungen zu finden und Mathematikunterlagen als Latex-Skripte bereitstellten. Es gab natürlich auch Widerstände, aber diese wurden von Jahr zu Jahr geringer. Einmal wollte ein Laboringenieur nicht gelten lassen, dass ich mich rein mental an einer Programmierarbeit in Prolog beteiligte. Das hatte technische Gründe, denn es war ein System unter X11 unter Linux zu verwenden, das nicht zugänglich war. Nachdem ich gezeigt hatte, das ich die 1000 Zeilen Prolog-code sehr gut im Kopf hatte und sehr wohl wusste, was wo zu programmieren war, hatte sich das Problem erledigt.
Als Abschluss absolvierte ich mein Praxissemester und die Diplomarbeit im DLR in Braunschweig. Also auch hier keine Sonderrolle im Schutz der Hochschule.

Berufseinstieg

2001 begann ich meine Berufstätigkeit bei der DAVID Software GmbH. Beim Arbeitsantritt war ich nicht ganz sicher, ob ich alle notwendigen Werkzeuge bedienen konnte – ist Visualstudio nach wie vor zugänglich? Welche anderen Tools und Anwendungen mussten verwendet werden? Nun, es hat eigentlich recht problemlos geklappt. Mit JAWS und der aktuellen Hardware gab es auch keine instabilen Konstellationen.

Fazit

Vermutlich war es die Summe aus vielen Entscheidungen und Chancen, die mich hierhergebracht haben. Die oft steinigen Wege haben am Ende hierher geführt und mich geprägt. Wenn ich heute an einer Aufgabe tüftele, dann weiß ich um die Hindernisse, die ich bereits überwunden habe und der Ausdauer, die das ermöglicht hat. Ich glaube, das gute Teamfähigkeit und der Willen anderen wo möglich zu helfen für uns entscheidend ist, um uns integrieren zu können. Natürlich braucht es die Chancen zum richtigen Zeitpunkt; Diese müssen dann allerdings auch erkannt und genutzt werden. Selbst wenn sich einmal eine Chance nicht ergibt, so ist es doch beruhigend vor sich selbst sagen zu können, dass man alles probiert hat, was für einen selbst möglich war.

Ein Gedanke zu „Wie bin ich eigentlich hierher geraten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>