Ist ein Spätabbruch einer Schwangerschaft ein Ausweg?

== Hintergrund ==
Vor einigen Wochen wurde in den Nachrichten über einen Rekord bei den Schwangerschaftsabbrüchen berichtet. Demnach gab es 2012 so viele Abtreibungen, wie niemals zuvor. Genaue Zahlen kann man hier nachlesen:
[[http://www.pro-leben.de/abtr/abtreibung_daten.php | Statistik Abtreibungen]] Zusammen mit den seit Jahren sinkenden Geburtenraten und den damit verbundenen zukünftigen Folgen, ergibt sich für mich ein groteskes Bild.

Was banal als Zahlen daher kommt sind viele, viele Leben, die nicht entstanden sind oder besser gesagt nicht sein sollten. Ich will das an dieser Stelle gar nicht bewerten, aber bei solchen Auswirkungen und der Menge, finde ich einen größeren Respekt und eine andere Herangehensweise angebracht.

Den endgültigen Auslöser zum Artikel gab allerdings die Beschäftigung mit Spätabbrüchen. Bei unserem Sohn wurde nach seiner Geburt etwas erkannt, dass eine Abtreibung auch nach der üblichen Frist ermöglicht hätte. Durch die Diagnose nach der Geburt blieb uns also die Entscheidung über sein Leben erspart – und wir sind sehr froh, dass unser Sohn bei uns ist.

Sobald eine massive Fehlbildung beim Kind erkannt wird, kann das Kind quasi zu einem beliebigen Zeitpunkt abgetrieben werden – zu einer Zeit in der andere Frühchen durchgebracht werden. Das Gesetz regelt diese Umstände sehr unscharf und auslegbar. Ab wann handelt es sich um eine massive Fehlbildung? Wann ist das Leben mit einem behinderten Kind für die Eltern unzumutbar? Grund genug, dieses sicher sehr emotionale Thema zu diskutieren.

== Ziele ==
Und was möchte ich mit dem Text erreichen? Wenn durch meinen Artikel nur ein einziges Kind weniger einem Spätabbruch zum Opfer fällt, dann hat er sich gelohnt. Gleichzeitig möchte ich die Diskussion anstoßen und bin an anderen Standpunkten und Argumenten interessiert.

== Rechtslage und Argumente ==
Wikipedia beschreibt unter dem folgenden Link sachlich die Methoden und die Gesetze für einen Schwangerschaftsabbruch.
[[http://de.wikipedia.org/wiki/Schwangerschaftsabbruch | Schwangerschaftsabbruch]] Ich verstehe die Gesetze etc. so, dass die Beteiligten bei einem Spätabbruch ziemlich freie Hand haben. Sicher, eine solche Entscheidung sollte nicht von rechtlichen Zwängen überschattet werden, aber wo ist der Anwalt des Ungeborenen? Um dem unmoralisch wirkenden Vorwurf zu entgehen, dass ein Kind wegen körperlicher Missbildung ungewollt ist, versucht man es auf die psychologische Schiene – ich kann damit nicht leben. Wer denkt so etwas nicht? Natürlich wünschen sich alle Eltern ein gesundes Kind – und das ist für jeden nachvollziehbar. Für die allermeisten, die vor der Entscheidung eines Spätabbruchs stehen, ist es das erste Mal, dass sie sich mit einer Behinderung ihres Kindes, oft mit Behinderungen überhaupt, beschäftigen müssen.

Glücklicherweise müssen inzwischen wenigstens drei Tage zwischen Aufklärung und Abbruch liegen – etwas Zeit im Web zu suchen, mit Freunden zu sprechen und über die Sache nachzudenken. Die Zeit erscheint trotzdem sehr kurz.

Es ist schon grotesk, dass Eltern über ihr Kind richten sollen. Würde man Eltern eines lebenden Kindes die gleiche Frage unter den gleichen zeitlichen Umständen stellen, dann versteht das jeder wohl als seelische Grausamkeit. Entscheide dich, ob dein Kind behindert sein wird oder es gleich sterben soll.

Die Belastungen bei der Versorgung und Pflege eines schwerbehinderten Kindes sind massiv und verlangen den Eltern und dem Umfeld viel ab. Da wirkt eine Art Notausgang als schnelle und einfache Möglichkeit, der Aufgabe zu entrinnen sicher verlockend. Aber zu welchem Preis? Man wird sich immer bewusst sein, dass nur die eigene Entscheidung über das Leben gerichtet hat. Wie stark die Behinderung gewesen, die Belastung geworden wäre, vermag man nicht zu sagen. Wer sich für einen Abbruch entscheidet, wird immer mit diesen Fragen leben müssen. Man könnte vereinfacht sagen: “Ich habe mein Kind umgebracht.”

So belastend die Pflege eines behinderten Kindes auch erscheint, in den allermeisten Fällen verlieben sich die Eltern genauso in ihr Kind wie in ein gesundes. Dies bestätigen Betreuer und Angehörige solcher Kinder. Und sollte man es nicht wenigstens auf einen Versuch ankommen lassen? Wäre es nicht fairer erst dann aufzugeben, wenn die Belastung zu groß wird?

Befürworter eines Spätabbruchs könnten nun mit den finanziellen Kosten argumentieren, die ein behindertes Kind aufwirft. Das klingt zwar unmoralisch, ist aber trotzdem ein gültiges Argument. Die Kosten werden sich über die Jahre u. U. sehr hoch aufaddieren. Andererseits leistet sich die Gesellschaft die kostspielige Unterbringung von Straftätern etc. Sollte da ein unschuldiges behindertes Kind nicht die gleichen Kosten verursachen dürfen? Ich kenne keine Zahlen, aber die Summen der Behindertenbetreuung dürften deutlich geringer als die des Strafvollzugs sein. Außerdem kann jeder in die Verlegenheit kommen, längerfristig und aufwändig betreut werden zu müssen. Würden wir also aus finanzieller Sicht einen Abbruch unterstützen, dann müssten wir auch viele andere Betreuungen durch Mord beenden.

In einigen Fällen ist ein Baby nicht überlebensfähig. Ist es da nicht einfacher die Schwangerschaft frühzeitig zu beenden? Wird das Ganze zu einem frühen Stadium erkannt, dann ist das sicher ein richtiges Argument und kann den Eltern einen langen Leidensweg ersparen. Handelt es sich dagegen um einen Spätabbruch, ändern sich nur wenige Dinge. Die Geburt muss in jedem Fall durchgeführt werden – der Teil bleibt den Eltern nicht erspart. Zudem wird das Kind vorher mutwillig getötet – auf eine Art, die schon im dritten Reich an Häftlingen durchgeführt wurde. Ist das wirklich erträglicher, als sich normal von seinem Kind zu verabschieden und keine Schuld zu tragen?

Viele mögen sich damit trösten, dass ihr Kind nichts vom Leben gehabt hätte. Allerdings kann man zu sehr vielen der Behinderungen ein breites Spektrum an Entwicklung und Auswirkungen beobachten. Es ist also im Vorfeld nicht so eindeutig zu bestimmen, wie sich das Kind am Ende entwickeln würde. Für Mediziner mag das ganze recht sachlich und mit Statistiken untermauert sein, aber für die Betroffenen ist es Ihr Kind um das es geht. Können wir überhaupt jemals beurteilen, wie lebenswert ein anderes Leben ist? Menschen in meiner Umgebung, oder solche die mich zufällig treffen, sehen in mir oft den bedauernswerten blinden Mann. Sie freuen sich, dass ich den Müll alleine raus bringen kann. Das ist sicher nicht böse gemeint und zeigt nur, wie schlimm Blindheit in ihrer Vorstellung ist. Dagegen sehe ich absolut keinen Grund an meiner Lebensqualität zu zweifeln. Ich könnte den Menschen viele, viele positive Aspekte nennen. Wie würde man diese Diskrepanz bei einem ungeborenen behinderten Kind auswerten?

Juristen argumentieren oft damit, dass ein Kind bis zum Beginn der Geburt ein Teil der Mutter ist. Ich halte das für reine Paragrafenreiterei. Immerhin hat die Mutter schon lange davor das Gefühl, dass sich etwas in ihrem Bauch bewegt – nicht dass sie sich bewegt. Es ist sicher schwer einzuschätzen, ab wann das Kind als eigenes Lebewesen angesehen werden muss, aber spätestens zum Zeitpunkt, bei dem es überlebensfähig wäre, sollte es als individuum mit entspr. Schutzrechten angesehen werden.

Mein persönliches Fazit: Betroffene sollten sich nicht unter Druck setzen lassen. Kein Außenstehender hat das Recht, die Entscheidung zu beeinflussen. Eltern sollten sich die Freude auf ihr Kind nicht von Statistiken und Prognosen verderben lassen. Sie sollten sich informieren und das Spektrum der möglichen Entwicklung ausleuchten. Ein Abbruch ist final, während alles andere wenigstens ein Versuch ist, sich der Aufgabe zu stellen.

Das klingt sicher ziemlich einfach daher gesagt, aber es gibt für viele Behinderungen Selbsthilfegruppen und Foren im Netz. Eines der bekanntesten davon ist http://www.rehakids.de.

Zwei Jahre, nach dem ich diesen Text ursprünglich veröffentlicht habe, haben sich weitere Argumente und fakten gesammelt, die mich in meiner Meinung bestärkt haben. Es ist nicht etwa so, dass Mediziner die entscheidung einfach den Eltern überlassen, sondern (zumindest in einigen Fällen) bewusst die Möglichkeit des Abbruchs vorantreiben. Immerhin ist ein Abbruch ein lukrativer Eingriff. Weiterhin sollte man bedenken, dass ein wesentlicher Teil der Behinderungen bei Kindern durch Frühgeburten entstehen. Ob die Vertreter des Abbruchs hier auch sortieren würden? Mediziner tun dies zumindest und schalten die Kinder, die sie nicht für überlebensfähig halten ab bzw. drängen manchmal die Eltern zur Einwilligung. Abbruch und Abschaltung sind zwar zwei völlig unterschiedliche Dinge, haben aber den gleichen Zweck und die gleiche Wirkung. Deshalb kann ich nur an alle betroffenen Eltern appelieren: Folgen Sie ihrem Gewissen, lassen Sie sich nicht mit Statistiken und Prognosen verwirren, denn nur Sie und niemand sonst, darf eine solche Entscheidung fällen und Sie werden die Konsequenzen in jedem Fall alleine tragen müssen.

Ein Gedanke zu „Ist ein Spätabbruch einer Schwangerschaft ein Ausweg?

  1. Jasmin Langner

    Hallo Heiko !

    Das hast du sehr schön geschrieben , bin begeistert !
    Ich kann Menschen einfach nicht verstehen die ihre Kinder einfach so abtreiben (umbringen).
    Auch wenn eine Behinderung festgestellt wurde finde das man es sich trotzdem gut überlegen soll den es ist schließlich auch ein Lebewesen !!!!

    Ich bin stolz darauf das ich es damals nicht getan hab und hab auch eine tolle schöne Bestätigung das es die richtige Entscheidung war 🙂 !

    Liebe Grüße
    Jasmin mit Maximilian

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