Herausforderung Webanwendungen

Noch vor einigen Monaten war ich der Meinung, dass eine webbasierte Anwendung eine relativ gute Zugänglichkeit bietet. Die Browser sind von den Screenreaderherstellern gut angepasst, es existieren viele Schnelltasten und vernünftiges und gut ausgezeichnetes HTML setzt sich durch.

 

Allerdings bin ich in den letzten Wochen in Kontakt mit einer Reihe von Webanwendungen gekommen, die in mir Zweifel weckten, ob die Zugänglichkeit wirklich gegeben ist. Die Navigationstasten funktionieren, aber trotzdem habe ich oft das Gefühl auf einem großen Feld verloren zu sein.

Ich nenne das ganze mal etwas platt den Facebook-Effekt. Dabei verwende ich NVDA und einen aktuellen Firefox. Während ich Statusmeldungen lese, wird die Seite ab und an aktualisiert und NVDA ergießt sich in der Ansage tausender Listen die rigendwie im Kontext keinen Sinn machen. Man kommt zwar klar, aber erst nach reichlich Training. Ich habe das Glück, beruflich den ganzen Tag am PC zu sitzen und die Bedienung von Screenreader und Browser ist für mich nichts anstrengendes, aber was ist mit all jenen, die sich mühsam durch eine Seite quälen? OK, ich muss ja kein Facebook verwenden ode könnte eine App verwenden, aber in anderen Fällen gibt es quasi keine Alternative.

 

Ein Problem scheint zu sein, dass die neuen Elemente einer Seite wie Menüs und Registerkarten bislang als Listen vorgelesen werden. Dadurch muss man erst mühsam suchen, wenn man in einer Hilfe liest, man möge auf ein bestimmtes Register klicken. Weitere Hindernisse, die mir aufgefallen Sind, berichte ich am Beispiel der entspr. Anwendung.

 

Blogverwaltung

 

Als Bloggingsoftware ist WordPress www.wordpress.orgeine gute Wahl. Immerhin bekommt so auch ein blinder oder sehbehinderter Autor eine ansprechende Webseite, ohne sich aktiv um das Layout kümmern zu müssen. Die Bedienelemente sind anständig ausgezeichnet und für sich selbst gut bedienbar. Allein die Masse der Tabellen, Menüpunkte etc. auf einigen WordPress-Seiten ist so groß, dass ungeübte auch hier lange lesen müssten, bevor sie die Zusammenhänge erkennen und wissen auf welchen der prominent platzierten Links sie klicken müssen. Während Überschriften und Tabellen gut navigiert werden können, präsentieren sich die Menüs im WordPress 3.4.1 und Theme Twenty Eleven als nicht klar beschriftete oder doppelte Links. Außerdem erschließt sich mir nicht, wie sich die Schrift- und formatieroptionen über dem Schreibfeld auswirken, wenn ich jedesmal für die Bedienung den Formularmodus abschalten muss. Mindestens ist eine solche Arbeitsweise sehr umständlich. Ich behelfe mir mit einem Plugin wie Blogtext, aber solche Optionen über Eingabefeldern werden immer häufiger. Von einer Rechtschreibprüfung, die ich aktiviert hatte, ganz zu schweigen.

 

Verwaltung von Scrum-Projekten

SCRUM ist eine spezielle Methodik zur Entwicklung von Softwareprojekten. Dabei werden für alle neuen oder geänderten Funktionen sog. Userstories und untergeordnete Aufgaben erstellt. Im Ergebnis hat man eine Reihe von Informationen, die an Tickets hängen. Der Status der Tickets ist von zentraler Bedeutung für den Prozess. Dementsprechend besteht die Anwendung TinyPm www.tinypm.com im Wesentlichen aus einem Ticketsystem mit verschiedenen Ansichten. Zur leichteren Verfolgung und für die Übersicht werden außerdem eine Reihe von Grafiken (Charts) dargestellt. Diese bleiben Screenreadernutzern naturgemäß verborgen. Weil sie zentrale Informationen bündeln und aufbereiten ist dies ein erheblicher Verlust.

 

Der zentrale Dialog der aufgabenzettel stellt alle Tickets eines bestimten Zeitraumes in einer dreispaltigen Tabelle dar. Die Spalten zeigen den Status an. Die Ansicht erlaubt einen raschen Überblick über den aktuellen Zustand. Anwender ziehen ein Ticket einfach in eine andere Spalte um dessen Status zu ändern.

Die Tabelle läßt sich nur schwer mit Screenreadern navigieren. Zwar werden alle Elemente einer Spalte korrekt vorgelesen, aber es feht ein schneller Überblick darüber, welche Tickets zu einem bestimmten übergeordneten Ticket welche Status haben. Das Navigieren durch Spalten und Reihen mit den Screenreaderkommandos funktioniert nicht. Möchte man als Screenreadernutzer einen Ticket verschieben – allso den Status ändern, so muss man es jedesmal editieren und Start- und Endzeit in einem bestimmten Format angeben. Das ist nicht schwer, aber dieser Vorgang mus ständig ausgeführt werden. Damit entsteht immer ein gewisser Zeitverlust. Hinzu kommt, dass JAWS den Aufbau der Seiten signifikant verzögert.

 

Verwaltung beliebiger Projekte

Nach dem ich einen Artikel in der C’T gelesen hatte, habe ich mich zum Test bei www.projectplace.de angemeldet. Neben diversen kryptischen Links bei denen die alternativtexte aus wilden Zahlen bestehen und Einträgen wie void haben es auch die Eingabefelder in sich. Z.B. dann, wenn man ein Projektmitglied einladen möchte. Vermutlich wird die E-Mail-Adresse umgehend geprüft. Auf jeden Fall war ich nicht in der Lage, eine falsch eingegebene Adresse zu korrigieren. Irgendwann hab ich’s dann zwar geschafft, aber wenn man an solchen Kinkerlitzchen viele Minuten verschwndet, dann ist das kein effizientes Arbeiten.

Der Versuch ein Dokument einzustellen war nicht erfolgreich. Ich konnte zwar ein Word-Dokument anlegen, es aber nicht mit Inhalt füllen. Um überhaupt die Funktion zu finden, mit der ich eines anlegen konnte, habe ich nach “Neu” auf der ganzen Seite gesucht und war irgendwann auch erfolgreich. Das ist wohl mehr Glück als Verstand oder systematisches vorgehen.

 

Datenbankverwaltung

Oracle bietet mit seinem Grid control eine komplexe Weboberfläche um eine ganze Farm von Datenbanken, Servern mit all dem Hard- und Softwarezubehör zu verwalten. Viele Links kann man nur bedienen, weil man aus Beschriftungen wie bkzanme&%d etwas wie Anmelden herauslesen kann. Da ist Phantasie un Grips gefragt. Die Dialoge bestehen aus diversen Registern, Menüs, Tabellen und Einstellmöglichkeiten. Man sucht sich quasi nen Wolf. Hinzu kommt, dass man auf vielen Seiten erstmal das automatische Aktualisieren deaktivieren muss, weil die Seite sonst nach 10 – 30 Sekunden neu geladen wird. Für sehende ist das an diesen Stellen sicher sinnvoll, weil es sich um Echtzeitdaten handelt, aber für Screenreadernutzer ist das eine echte Barriere, weil man in der halben Minute nur mit Erfahrung den entspr. Haken zum Ausschalten findet.

 

Fazit: Die Elemente für sich sind meistens gut bedienbar. Es liegt oft nicht am HTML-Code – der ist dafür, dass er generiert wird, sogar recht gut. Oft liegt es an der blanken Masse der Elemente pro Dialog. Es ist zu erwarten, dass Webanwendungen im Zuge von HTML5 deutlich komplexer werden. Ihre Verbreitung wird steigen, weil eine Installation einfach auf einem zentralen Server bereitgestellt werden kann. Der Player ist in Form eines Browsers überall installiert und die anwender können den Player bedienen. Sobald die neuen HTML-Elemente den Vorteil von Desktopanwendungen in Bedienkonfort aufgefressen haben, werden viele Anwendungen, bei denen Menschen zusammenarbeiten in Webanwendungen umgewandet. Das wird nicht alle Anwendungen erfassen – solche bei denen jemand alleine an einem Projekt arbeitet und wo Rechenpower wichtig ist könnten verschont bleiben.

 

Es wird eine große Herausforderung werden, solche komplexen Anwendungen so zugänglich zu machen, dass sie nicht nur wahrnehmbar sind, sondern auch effizient mit Großschrift und Screenreadern bedient werden können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.