Review eines Spezialkopfhörers, der über den Knochen statt über das Trommelfell überträgt

== Hintergrund ==
Ich bin ein begeisterter Anwender eines Ultraschall-Navigationsgerätes, namens K-Sonar mit dem man Hindernisse auf akustische Weise angezeigt bekomt. Damit man die ganze Bandbreite des Geräts nutzen kann, muss man einen Kopfhörer verwenden, weil Details in kleinen Frequenz und Geräuschunterschieden dargestellt werden. Allerdings ist die Verwendung eines klassischen Kopfhörers für einen blinden Menschen im Straßenverkehr sehr gefährlich und beeinträchtigt die übliche akustische Orientierung. Ein Außenlautsprecher hilft nicht wirklich weiter, weil er viele der interessanten Informationen verfälscht oder gar verschluckt.

Deshalb wurde ich hellhörig, als ich von einem neuen Kopfhörer hörte, der die Ohren freiläßt und seine Ausgabe direkt über den Knochen an das Gehör übermittelt.

Es gibt verschiedene Modelle und Bauformen solcher Kopfhörer. Ich habe mich für einen richtigen Kopfhörer mit Nackenbügel entschieden, der nicht so leicht verrutschen soll. Alle Produktdetails finden sich unter [[http://www.audiobone.eu/index.html | Audiobone]]. Hier ein kurzer Erfahrungsbericht:
== Erste Verwendung ==
Bei meiner Bestellung wurde leider der Artikel vertauscht – ich hatte eine Version mit Verstärker bestellt, erhielt aber die klassische Variante ohne Verstärker. Die Ernüchterung war umgehend zu erleben: Der Kopfhörer ist deutlich leiser als ein klassischer und das Navigationsgerät ist kein Krachwunder. Netterweise hat der Verkäufer mir umgehend und kostenlos einen Verstärker nachgeschickt.

Der Kopfhörer selbst hat einen Nackenbügel und vermeidet damit den Halt am Kopf durch Druck zu erreichen. Er liegt stattdessen locker hinter den Ohren auf. Wie beabsichtigt kommen die Membranen bzw. die Lautsprecher direkt vor dem Ohr bzw. dem Hörgang auf den Rand der Ohrmuschel. Die Wahrnehmung der Umweltgeräusche wird damit nur minimal beeinträchtigt. Eigentlich fühlt es sich nur etwas ungewohnt an. Das Gewicht ist so gering, dass er sich leichct über längere zeit tragen läßt. Für den Transport kann man die Lautsprecher nach innen an den Bügel klappen, wodurch das ganze sehr flach wird.

Leider ist das Anschlusskabel relativ kurz, aber es wird eine Verlängerung mitgeliefert.

Der Verstärker selbst ist rechteckig und hat einen Klipp, um ihn z.B. am Hemd zu befestigen. Er benötigt zwei Mikrozellen. Das Einlegen von Batterien ist etwas tückisch, denn es gibt nur eine dieser Federn, die normalerweise anzeigen, wo die Minuspole hingehören. Man darf sich nicht verwirren lassen: Die Batterien müssen wie fast immer in abwechselnder Richtung eingelegt werden – und die Feder ist denn auch für einen Minuspool der einen Batterie zuständig. Leider reicht das Einlegen alleine nicht aus: Es kommt nichts durch den Verstärker. Auf der glatten Oberfläche lassen sich einige Punkte leicht Eindrücken – jawohl kleine Tasten. Es sind genau zwei, die die Lautstärke regeln. Der Lauter-Knopf dient gleichzeitig als Ein- und Ausschalter, wenn man ihn gedrückt hält. Das ist praktisch, denn der Verstärker schaltet sich nach etwa 30 Sekunden automatisch aus, wenn kein akustisches signal kommt. Das ist sicher etwas ungewohnt, schützt aber vor unnötiger Energieverschwendung.

Zusammen mit dem Verstörker kommt der Kopfhörer fast auf eine normale Lautstärke. Das klingt nicht sonderlich berauschend, aber man darf nicht vergessen, dass hier ein anderer übertragungsweg verwendet wird. Apropos: Das Verwenden der Knochenleitung verändert die gehörten Frequenzen deutlich. Musik, von der man weiß wie sie klingt, hört sich etwas Mitteltonlastiger und etwas flau an. Der Kopfhörer gibt einen Frequenzgang von 50 – 12.000 Herz an – was zumindest bei den Bässen schon mal einiges wegfallen läßt. Due Bässe spürt man dafür als Vibrationen direkt am Wangenknochen. Sobald der Verstörker nicht mehr ausreichend Saft über die Batterien bekommt, wird die Klanqualität deutlich schlechter, sodass ich erst von der Musikqualität etwas enttäuscht war. Mit frischen Batterien klang das aber dann schon wesentlich besser.
Immerhin schlägt der Kopfhörer mit 160 Euro zu Buche, was gegenüber einem normalen Gerät für den gehörgang schon recht teuer ist.

== Navigation im Alltag ==
Nun, ich habe den Kopfhörer für mein Ultraschallgerät und in der Bahn für meinen PTP 1 gekauft und da ist das mit den Frequenzen noch zu verschmerzen. Immerhin lag die Fledermaus monatelang brach zu hause. Durch die kaum veränderte Wahrnehmung der Umwelt, kann ich mich problemlos orientieren und höre dennoch genug Details des K-Sonar. Sofort wird mir wieder der Informationsreichtum bewusst, den das Gerät liefert – unterschiedliche Materialien werden unterschiedlich ausgegeben. Auf bekannten Strecken ergeben sich so nebenbei akustische markante Punkte, die eine entspannte Orientierung sehr unterstützen. Außerdem kommt hier der Effekt zum Tragen, dass der K-Sonar am Stock befestigt wird und das Gehirn nach einiger Zeit Stockwinkel und akustische Information verknüpfen kann. Man weiß irgendwann, wo sich ein Gegenstand befindet und kann einfach dran vorbeigehen. Zusammen mit dem nun offenen Ohr und der Leistung der Fledermaus ergibt sich eine sichere Navigation mit dem vollen Informationsumfang aus Ohr und Ultraschall. Die Sicherheit wird nicht mehr beeinträchtigt, weil man nichts überhören kann – zumindest nicht mehr als ohne Kopfhörer.

Mein Ziel, eine sichere Möglichkeit zum Betrieb des K-Sonars ist damit erreicht und der veränderte Frequenzgang beeinflusst die Ausgabe des Geräts nur in geringem Maße.

Der Daisyspieler hört sich über den Kopfhörer akzeptabel an – man kann einem vorgelesenen Text oder einem Podcast lauschen. Allerdings reicht die Lautstärke schon bei einer etwas lauteren Straßenbahn nicht mehr aus. Außerdem beginnt der Kopfhörer bei voller Lautstärke leicht zu übersteuern. Die Unterschiede in den Frequenzen sind auch hier deutlich zu spüren. Ob ein leistungsfähigerer Verstärker Abhilfe leisten kann und evtl. auch den Frequenzgang so verändern kann, dass man im Endeffekt wieder ähnlich hört wie mit einem klassischen Hörer, kann ich nicht beurteilen.

== Fazit ==
Der Audiobone Kopfhörer ist ohne Verstärker eigentlich nicht zu gebrauchen. Weder meine Stereoanlage, noch mein PC haben einen ausreichenden Ausgangspegel. Nachdem mittlerweile fast alle MP3-Spieler etc. akustisch auf ein vernünftiges maß gedrosselt sind, dürfte das Problem mit fast jedem Abspielgerät auftreten.

Der Kopfhörer eignet sich gut, um Navigationsgeräte oder andere Hilfsmittel im Straßenverkehr zu betreiben, weil die Umweltgeräusche kaum behindert werden. Für Sprachausgaben und andere Signale ist die gehörte Qualität der Audiosignale ausreichend. Für den Musik oder Hörbuchgenuss sollte man allerdings eher einen klassischen Kopfhörer verwenden.

Es muss jeder fürsich entscheiden, ob er 160 Euro oder etwas mehr in diese Vorteile investieren möchte. Für mich hat sich das gelohnt, weil das K-Sonar mir viel Sicherheit gibt und mich vor Verletzungen schützt. Bleibt zu hoffen, dass man die verschluckten Frequenzen über den Knochen irgendwie ausgleichen kann, denn dan wäre auch ein Musikgenuss ohne Schädigung des Trommelfells möglich.

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