Günter Wallraf deckt Zustände bei Paketdienst GLS auf – und was machen wir nun?

Unter dem folgenden Link findet sich ein Artikel über den Bericht, den Günter Wallraf als Enthüllungsjournalist über die Zustände beim Paketdienst GLS erstellt hat. Ich selbst hatte die Reportage auf RTL am Mittwoch gesehen.

http://www.rhein-erft-online.ksta.de/html/artikel/1338042577727.shtml

Ich will im folgenden nicht die Reportage selbst kommentieren, sondern diskutieren, was mögliche Lösungen und Konsequenzen wären.

Stimmt das alles wirklich?

RTL und Herr Wallraf sind nicht gerade für objektiven Journalismus bekannt. Ich kann keine Fakten nennen, die dem gezeigten widersprechen, aber ich kenne eine frühere Reportage über Callcenter von ihm und weiß, dass einiges überspitzt und anderes weggelassen wird. Das ist in Ordnung und Freiheit des Journalisten. Für mich bedeutet es aber, mich nicht unbedacht solcher Hetze anzuschließen.

Mein persönliches Fazit daher: Die Zustände sind sicher indiskutabel wenn man an vernünftige und nachhaltige Arbeitsplätze denkt, aber Parolen wie Sklaverei undverantwortungslose Unternehmen finde ich etwas überzogen. Verstärkt wird mein Eindruck von den wiederkehrenden und einfachen zusammenfassungen.

Mögliche Lösungen

Sind die Leute selbst schuld, wenn sie sich derart ausbeuten lassen?

In gewisserweise könnte man tatsächlich sagen, dass es eine Entscheidung der Fahrer und Subunternehmer selbst war und ist, auf diese Weise den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Hier liegt im Gegensatz zur Sklaverei ein Unterschied vor: Sklaven haben keine Wahl und werden bei Widerstand körperlich misshandelt.

Nun würde ich es mir ziemlich einfach machen, den betroffenen den Schwarzen Peter zuzuschieben. Wer ohne gute Ausbildung ist, vielleicht hinter Gittern saß und aus anderen Gründen nicht auf der Sonnenseite lebt, der wird über so einen Job wohl immer noch sehr froh sein. Der Skandal ist doch, dass unsere Verhältnisse so sind, dass einige garnicht genug Geld verdienen können und andere aus Selbstachtung sich solchen Arbeitsbedingungen unterwerfen.

Fahrer und Subunternehmer können jeder für sich und evtl. sogar gemeinsam entscheiden aus diesem System auszusteigen. Wer dort nicht arbeitet, wird auch von einem solchen Unternehmen nicht ausgebeutet. Bei einer konzertierten Aktion könnten die Konditionen sogar maßgeblich verbessert werden. Kein Paketdienst wird innerhalb weniger Tage eine vollständig neue Mannschaft zusammenbekommen und die Ausfälle dürften fiel Geld und Image kosten. Klingt das illusorisch? Eigentlich nicht. Auf diese Weise haben viele Arbeiter mit deutlich weniger Rechten die heutigen Arbeitnehmerrechte erkämpft. Das Streikrecht steht nicht ohne Grund im Grundgesetz. Es fehlt allein an der Geschlossenheit der “unterdrückten” Der einzelne ist schwach, aber die Masse ist stark. Ein Unternehmen wie GLS würde sicher alles dafür tun um eine solche “Rebellion” zu verhindern, aber Facebook etc. erlauben eine schnelle Vernetzung und anstatt die eigene Gesundheit zu ruinieren sollte man einen Streik durchaus in Erwägung ziehen. Gewerkschaften sind hier sicher das richtige Medium.

Was wenn nun alle GLS beukotieren?

Klingt schön nach Stammtisch – und ist eine echte Sofortmaßnahme. Wäre aber wohl kontraproduktiv und nur schwer durchführbar – wer weiß schon welcher Onlinehandel mit welchem Dienst verschickt? Außerdem dürften die Zustände in vielen Unternehmen der Branche vorherrschen. Wenn überhaupt, dann müssten Gewerkschaften Streik und Beukott gleichzeitig bzw. konzertiert anleiern. Apropos: Es steht jedem Arbeitnehmer frei sich in einer Gewerkschaft anzumelden und zu beteiligen. Umso mehr in Gewerkschaften organisiert sind desto eher sind Grundrechte durchzusetzen. Aber zurück zur Frage: Ein Beukott wäre sicher nicht zielführend und würde evtl. sogar die Fahrer und Subunternehmer treffen.

Sind wir als Konsumenten mit dem Geiz ist Geil Prinzip schuld?

Vielleicht zu einem gewissen Teil. Jedes Schnäppchen hat seinen Preis. Wenn wir uns ausschließlich am Preis orientieren fördern wir damit auch den Preisdruck beim Auslieferer. Allerdings sind auch hohe Versandkosten keine Garantie für vernünftige Arbeitsbedingungen. Als Kunde kann ich nicht beurteilen, ob ein Anbieter die Versankosten im Verkaufspreis einkalkuliert hat und der kostenlose Versand Werbung ist. Ich erwarte von Unternehmen, dass sie sich an die geltenden Gesetze halten und u.U. eben mehr Geld für ihre Dienste verlangen müssen oder die eigenen Gewinnerwartungen auf ein vernünftiges Maß reduzieren müssen. Ich war und bin schon immer für einen einheitlichen und ausnahmslosen Mindestlohn gewesen. Vor allem sollte er für JEDE gearbeitete Stunde bezahlt werden. Mein Argument dafür ist nicht sozialistische schwelgerei, sondern ein ganz wirtschaftlicher. Es gibt einen bestimmten Betrag, den eine Familie, ein Single nachgewiesenermaßen zum Leben braucht. Verdient er weniger muss die Gesellschaft – wir alle – das finanziell ausgleichen – wir machen Verlust! Die Gesellschaft kann aber wie jedes Unternehmen sich keine Verluste auf Dauer leisten. Wer Arbeitet muss in jedem Fall deutlich über dem Existenzminimum verdienen um sich an den Kosten der Gesellschaft beteiligen zu können. Daher hat die Gesellschaft das Recht einen solchen Mindestlohn gesetzlich zu verlangen. Kein Unternehmen wäre auf Dauer bereit und in der Lage mit Verlusten zu wirtschaften – warum gilt das nicht auch für die Gesellschaft als Solche?

Was schlage ich also vor?

  • Durchsetzung der bereits geltenden Gesetze zu Arbeitszeit und Fahrten im Lieferwagen. Sind erst einmal einige Fahrer und Subunternehmer bestraft worden, könnte sich der Zustand rasch ändern. Evtl. brechen Subunternehmer auch aus diesem Grund ihre Aktivitäten ab. Vorschriften, die nicht durchgesetzt werden, sind sinnlos. Dazugehört sicher auch ein Fahrtenschreiber im Lieferwagen und eine massive Bestrafung der Verantwortlichen. Vermutlich ist es juristisch nicht möglich die wirklich Verantwortlichen zu belangen.
  • Wir als Kunden müssen versuchen kritisch zu hinterfragen zu welchem Preis wir unsere Dienste erhalten – wer wird dafür ausgebeutet? Wer verdient daran? Es ist schon oft vorgekommen, das eine kritische Öffenlichkeit Unternehmen gezwungen hat, auf einige Forderungen einzugehen.
  • Fahrer solcher Paketdienste sollten sich einer Gewerkschaft wie Verdi anschließen und damit für ihre Rechte kämpfen – Unternehmen tun das auch.
  • Jeder Subunternehmer muss sich überlegen warum ein anderer versucht, ihn zur Gründung eines Unternehmens zu bewegen. Wer sich selbständig macht, braucht die notwendigen Grundlagen und ein gutes Gefühl für wirtschaftliches Handeln. Das ist im Moment der Situation und der Hoffnung auf bessere Verdienste sicher nicht einfach. Aber meistens verdienen eher andere als man selbst. Ohne Subunternehmer bricht das vorgestellte Ausbeutungssystem zusammen.
  • Wir können den Paketboten, die uns beliefern ein paar Euro Trinkgeld geben. Das kommt direkt bei denen an, die den Preis für die Maschinerie bezahlen. 1 oder 2 Euro für ein Paket dürften schon eine erhebliche Wirkung für den Paketboten haben.

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