Die langen Schatten der Zukunft werfen ein helles Licht

enstern Dialogen und Menüs auch nach zwei Jahren immer noch nicht ernsthafte Schwachstellen in Puncto Barrierefreiheit offenbart, dann ist das schon bemerkenswert. Wenn der Screenreader eigentlich kaum mehr zu tun hat, als dem Systemfokus zu verfolgen und keine Tricks mit Skripten, virtuellen Ansichten der Anwendung oder dem Training von Werkzeugleisten notwendig sind, dann ist das wohl mustergültig.

Es ist ein Déjà-vu für mich, dass eine Entwicklungsumgebung barrierefreier ist, als fast alle anderen Anwendungen. Damals war es Visualstudio 4.2. Recht gut mit Protalk benutzbar, während nicht einmal die Eingabeaufforderung mit dem Screenreader ausgelesen werden konnte.

Die Schatten aus der Zukunft heißen Eclipse – denn eclipse heißt eigentlich Verfinsterung. Es wäre natürlich viel passender unter einem solchen Namen eine Anwendung ordentlich zu zerpflücken und sich über die Unzulänglichkeiten auszulassen. Aber in diesem Fall habe ich weder Chance noch Grund.

ich habe schon mal über die Nutzung von Eclipse mit Screenreadern geschrieben, aber diesesmal geht es mir eher um das, was die Zugänglichkeit ausmacht und was gut auf andere Anwendungen übertragbar ist.

Von der Oberfläche aus betrachtet geht es bei Eclipse darum viele verschiedene Aspekte einer Arbeitsumgebung so darzustellen, wie es ein Anwender gerade benötigt. Wenn man, warum auch immer, gleichzeitig Fehler beheben und etwas grafisch modellieren möchte, während man gleichzeitig Einstellungen in der Steuerdatei bearbeitet, die dafür sorgt, das ein ganzes Team einheitlich arbeiten kann, dann zeigt das die Flexibilität von Eclipse auf. Nun könnte man annehmen, dass so verschiedene Aufgaben mindestens in unterschiedlich aussehenden Dialogen mit eigenen Hotkeys etc. stattfinden, aber dem ist interessanterweise eher nicht so. Die Menge an benötigten Tastenkombinationen hängt eher davon ab, ob man sich die Mühe macht die Umgebung auf die aktuell benötigten Ansichten zu reduzieren. Anders gesagt, der effizienten Benutzung ob nun mit oder ohne Screenreader steht nur die eigene Arbeitsweise im Weg.

Es gibt unzählige Beispiele für Anwendungen mit ähnlich hoher Komplexität:

  • Digital Audio Workstations (DAW)
  • Fachanwendunen wie sie in Servicecentern zum Einsatz kommen um die verschiedenen Anwendungsfälle und Aspekte zu bearbeiten, die durch Anrufer etc. ausgelöst werden.
  • CMS, CRM und andere Werkzeuge um Kontakte und deren Metadaten zu verwalten

Wendet man die guten Lösungen aus der Finsternis auf solche Anwendungen an, erhält man sowohl eine gute Ergonomie für alle Anwender und eine barrierefreie Anwendung. Welche Art von Prozessen, Organisation etc. die Anwendung konkret umsetzt, ist dabei eigentlich nebensächlich. Worin besteht also der Trick bei Eclipse?

  • Alle Elemente der Oberfläche sind per Tastatur erreichbar. Das gilt auch für Elemente die keine Interaktion erlauben, als auch für Werkzeugleisten. Man kann Teile per Hotkey aktivieren, aber sie sind ebenso über das Menü oder andere Wege erreichbar – sich Tastenfolgen zu merken ist zwar schneller, aber kein Ausschluss Kriterium.
  • Die Ansichten folgen immer einem ähnlichen Schema

    • Werkzeugleisten Menüs Navigationselement
    • Details
  • Eine Ansicht oder Gruppe von Ansichten kann schnell geschlossen und wieder geöffnet werden.
  • Werkzeugleisten sind vollständig mit den Pfeiltasten navigierbar und auch deaktivierte Elemente werden dabei angesprungen.
  • Zusatzinformationen, die am Rand notiert werden und nicht per Cursor erreicht werden können, sind über eine eigene Navigation erreichbar und die Details können in einem Dialog angezeigt werden. Ein Benutzer eines Screenreaders kann dadurch entscheiden, ob er sich für die ‘Details einer Infoblase interessiert oder nicht.
  • Deutlich mehr Tastenkombinationen als in vielen anderen Anwendungen.
  • Dialoge mit einer Textbox, über die man die Menge der angezeigten Einträge reduzieren kann. Wenn Sie z.B. nicht wissen, wo sich irgendeine Maven-Einstellung verbirgt, dann beginnen Sie gar nicht erst lange mit der Suche, sondern geben maven in die fikterbox ein. Schon wird aus dem 10-Seiten-Dialog ein übersichtlicher Dialog mit wenigen Einträgen.

Darüber hinaus werden Fachanwendungen etc. immer spezielle dialoge oder Interaktionen mit dem anwender haben, bei denen Barrieren vorprogrammiert sind. Kurven können nicht mit der Maus gemalt werden und Objekte auf einer Oberfläche Platzieren sind nahezu unmöglich. Aber s wäre gut, wenn sich die Hindernisse auf solche Dinge beschränken ließen, denn dann könnte das Wissen um mögliche Lösungen effizienter Barrieren beseitigen, als die gleichen Probleme wieder und wieder lösen bzhw. Wiederholen zu müssen.

Die Beseitigung einer Barriere (sei sie so banal wie eine fehlende Beschriftung oder ein Hotkey) ist mittlerweile ein komplexer Prozess. Anwendungen bestehen aus vielen Teilen verschiedener Autoren und es gilt zu identifizieren, welcher Teil der Anwendung für die Barriere verantwortlich ist. Wenn beispielsweise das Sbuclipse-Plugin in Eclipse nicht zugänglich ist, hat das nichts mit Eclipse selbst zu tun und man müsste die Autoren des Plugins ansprechen. Egal wie schnell hier eine Lösung wäre: Man müsste stets eine Aktualisierung abwarten.

Fazit: Die Entwickler sollten sich an ihrem Lieblingswerkzeug orientieren und ihren Anwendungen genau das beibringen, was ihr eigenes Entwicklungswerkzeug für sie tut. Dummerweise stehen hier oft die Meinung der Anwender und Anforderer im Weg. Für diese ist eine Ausstattung mit Tastenkombinationen und Menüs schnell ein nettes Feature das gerne dem Rotstift weicht. Eine vollständige Zugänglichkeit per Tastatur und die konsequente Verwendung von Standarddialogen bzw. einem einheitlichen Look-And-Fel einer anwendung sollte Bestandteil in einer Norm für gurte und professionelle Software sein.

Surfen auf Java oder blind durch den Jungel aus Klassen

Wenn ich morgens in den Jungel eintauche, dann habe ich neben etwas Coffein ein etwas finsteres Werkzeug namens Eclipse gestartet. Wer mal erleben möchte, wie man den Ram des eigenen PC so richtig belasten kann, der hat schon mal den richtigen Kumpel mit dieser Entwicklungsumgebung gefunden.

Der Urwald besteht aus Projekten vielen, vielen Klassen, Hierarchien, Schnittstellen und noch reichlich mehr. Sich zu verlaufen ist ein Kinderspiel. Es gilt, die gesuchten Stellen im Wald zu finden und meistens eher kleine aber wohl bedachte Fäll- oder Pflanzarbeiten zu verrichten. Wie wird man also Pfadfinder mit einem wohlmeinenden Kameraden, der die ganze Zeit in rasendem monotonen stakato spricht, als wäre IRobot rRealität geworden? Die 80 Stellen auf der Braillezeile sind auch eher eine Hungerlösung für den Outdoor-Freak.

Es beginnt meistens mit einem Startpunkt. Durch Raten, Suchen oder Wissen lässt sich eine Stelle in einer der zig tausenden Dateien anspringen, von der irgendwie der Pfad richtung Ziel führt. Um nach einem beliebigen Text im Wust zu suchen, kann man mit Strg+alt+g einen Dialog öffnen, und dort sein Glück versuchen. Im Ergebnis gibt es einen Baum aus Verzeichnissen, in denen Treffer gelandet wurden – der Wald ist kurz auf die Stellen reduziert, wo die Finsternis fündig wurde.

Der Wald hat tausend Gesichter, und deshalb hat Eclipse die Sichten, die man mit Strg+F7 vorwärts und mit Strg+Umsch+F7 rückwärts durchlaufen kann, in Perspektiven gruppiert. Perspektiven sind quasi der Werkzeugkasten, den man auf eine Expedition mitnimmt, nur das man während dieser denn doch jederzeit sich einen anderen Kasten herbei wünschen kann. Diese Kästen durchspringt man mit Strg+F8 (rückwärts wieder zusammen mit Umschalt). Dabei durchläuft oder –springt man nur, was man auch geöffnet hat – oft sind noch viele Views oder Perspektiven im Menü Window verborgen und man darf sich seine Auswahl freizusammenstellen. Falls einem doch etwas fehlt, kann man beliebige Views über ein Menü öffnen. Möchte man eine so zusammengeöffnete Werkzeugsammlung speichern, so erstellt man eine neue Perspektive. Kurz: man kann sich zu jedem zeitpunkt entscheiden, welche Werkzeuge man gerade braucht. Damit nicht genug lassen sich auch mehrere Perspektiven gleichzeitig öffnen – ja! Sie haben recht, das ist ja auch ein Jungle. Im Kasten Java, der meistens zum Einsatz kommt, gibt es eine ganze Palette an Sichten beispielsweise
• Editor – da wo man in beliebig vielen Fenstern so viele Dateien öffnen kann, wie man mag, braucht oder oft auch viel zu viele. Diese Fenster durchspringt man mit Strg+F6 – Sie haben recht, das mit Umschalt geht hier natürlich auch. Mit Strg+e bekommen sie eine Liste ihrer Schandtaten ähm geöffneten Editoren.
• Problems Die Quittungen für die Fehler, die man so gemacht hat und über die sich Compiler & Co. Ärgern. Wählt man einen aus und drückt Enter, dann wird man mit der Nase auf die problematische Stelle gestoßen. Oft nützt das nix, weil man ein Brett vorm Kopf hat und sich fragt, was denn bitte daran falsch sein soll. Nun, nicht die Partei, wie es so schön hieß, sondern der compiler hat immer recht! Sie können einen Publikumsjoker ziehen und mit strg+1 die Quick fixes aufrufen – dann noch einmal Tab und sie können sich einen Vorschlag aussuchen. Zu den Problemen kommen Sie jederzeit mit Strg+Umsch+q, x – das Komma meint, dass sie nach Strg+Umsch+q die Tasten loslassen sollen und danach ein x eingeben sollen.
• Tauscht man das x am Ende durch ein p, dann gelangt man zum Paketexplorer. Dieser kann Sie schnell durch eine Struktur lotsen und eine der vielen Quelldateien öffnen. Wehe wenn Sie nicht hübsch für Ordnung sorgen, dann können Sie ordentlich im Paket Explorer suchen. Ordnung ist auch hier die halbe Miete, aber für Chaoten und ganz Eilige gibt es Strg+Umsch+t um nach einer Klasse bzw. Typ zu suchen. Man braucht nur die Großbuchstaben des Typnamens einzugeben – Java verwendet ja das sog. Camel Case also GanzTollerTyp oder Tollewurst. Sie können also mit GTT bzw. TW im Eingabefeld die Klasse lokalisieren und im Baum auswählen. Auch Platzhalter gehen, sodass TW* sowohl TolleWurstMitSenf als auch TolleWurstFuerMich finden würde. Springt man im Paketexplorer mit Umsch+Tab zurück, dann landet man auf der letzten Werkzeugleiste der View. Es ist typisch und ein hervorragendes Merkmal des schattingen Begleiters, dass man alle Werkzeugleisten per Tastatur benutzen kann.Im Paketexplorer können Sie z.B. festlegen, ob dieser immer die Datei auswählen soll, die Sie zuletzt bearbeitet haben.

Wenn man nicht nach einer Klasse sucht, sondern nur nach einer Datei, dann kann man Strg+Umsch+r einen dialog zum Suchen nach Ressourcen auswählen – die Hinweise zum Casing und zu den filtern gelten auch hier. Seltsam, dass so etwas effizientes nicht längst in Windows eingebaut wurde.

Hat man eine Ahnung davon, wie eine Methode ungefähr heißt, die man aufrufen möchte, dann kann man anfangen zu tippen und Strg+Leertaste drücken. Leider braucht es noch eine weitere Taste, damit auch der Roboter-Kollege die Auswahl vorliest nämlich F2. Nun können Sie aus den Vorschlägen auswählen. F2 ist auch nützlich, wenn man mit Strg+. Punkt Vorwärts und ob Acht Strg+, also Koma rückwärts durch die Probleme einer Datei geht. Dann wird nämlich der Inhalt des Problems vorgelesen und darüber zu sprechen lehrt die Sozialpädagogik ist ja schon mal was.
Möchte man erfahren, wie denn so die Klassenstruktur an der aktuellen Stelle ist – also welche Klassen von der aktuellen Klasse oder Schnittstelle erben, oder was man alles hier so geerbt hat, dann drückt man F4. Interessiert einen aber wo eine bestimmte Methode, die sich gerade unter dem Cursor in der Klassenstruktur implementiert oder definiert ist, dann nimmt man Strg+t. Damit man eine Liste aller Methoden des aktuellen Typs bekommt, nimmt man Strg+o.
• Hat man einen Typ unter dem Cursor, dann kann man mit F2 dessen JavaDoc ansehen/hören und mit F3 zur Definition des Typs springen. Mit alt+links kommt man zur vorherigen Stelle in einem der Editoren zurück – also von der Definition des Typs wieder zu dessen Verwendung – auch dann, wenn diese nicht in der gleichen Datei liegen. Schön, aber wer ruft eine bestimmte Methode überhaupt auf? Dafür wählt man die Methode und betätigt Strg+alt+h für die Aufrufhierarchie. Wo ist eine Klasse,Variable etc. referenziert erfährt man mit Strg+g. Strg+Umsch+p springt zur passenden anderen Klammer – also vom ender einer Klasse an den anfang etc.

All diese Kommandos verwende ich, wenn ich wie ein Flummi durch den Code springe auf der Jagd nach einem Fehler oder dem richtigen Platz für neuen Code (hoffentlich ohne Fehler). Die Liste ließe sich noch lange, lange fortsetzen, aber merken können Sie sich das wohl eh alles nicht. Müssen Sie auch nicht. Es gibt nämlich unter Window/Preferences den Punkt Hotkeys und da können sie nachschauen, was welchem Kommando zugeordnet ist. Außerdem ist eigentlich alles über das Menü erreichbar – OK fast alles.

Eclipse ist ein gutes Beispiel dafür, wie Zugänglichkeit in den Hintergrund tritt, weil sie einfach da ist und durch die vielen Tastenkombinationen die Arbeit für mich und alle anderen Entwickler gewaltig erleichtert wird. Seltsam, dass die Entwickler ohne Hotkeys kaum leben könne, selbst aber kaum welche in ihren Anwendungen verbauen. IntelliJ hingegen ist vollkommen unzugänglich und den Entwicklern ist’s offenbar auch wurscht. Also immer hübsch in der finsternis bleiben!

Ein paar Tränen rollen aber manchmal trotzdem. In einigen Eingabefeldern schreibt man ein Tab-zeichen, anstatt es zu verlassen. Don’t panic! Einfach Strg+Tab drücken – unter Eclipse springt man damit nicht zur nächsten Registerkarte. Einige Plguins und Views sind unzugänglich so z.B. die Ansicht von Subclipse. Deshalb muss ich meine Versionskontrolle von außen bedienen. Hier würde ich mir wünschen, wenn auch diese plugins sich an die Eclipse -Gepfogenheiten halten würden – wenigstens per Konfiguration.

Das Beispiel zeigt, dass es auch bei vielen und komplexen Daten möglich ist sich blind zurechtzufinden – auch wenn’s ein paar MB des eigenen Brägen für die Hotkeys braucht. Es zeigt aber auch, dass man blind oft eine ziemlich andere Vorstellung von der Struktur eines Codes im Kopf hat, denn oft ist es für mich unerheblich, wo sich eine Klasse in der Struktur befindet. Die Art und Weise, wie Menüs und Werkzeugleisten in views selbst zugänglich sind, könnte Vorbild für viele andere Anwendungen sein. Dazu gehört auchb die kosequente Einbindung aller Steuerelemente in die Tab-Reihenfolge – auch diejenigen, die schreibgeschützt sind. Das ist IMHO ein echter nachteil von klassischen Anwendungen bzw. der Herangehensweise von Windows. Auch die Autovervollständigung und die Möglichkeit zum Sprung zwischen problemen etc. ist z.B. in visualstudio deutlich ungünstiger mit einem Screenreader oder gar nicht benutzbar.

Fernwartung mit NVDA jetzt kostenlos möglich

Eine der herausragenden Funktionen von JAWS war und ist die Möglichkeit, auf entfernte Rechner der sog. Remote Desktop zugreifen zu können. Dafür wird die Professional-Lizenz benötigt und JAWS muss auf beiden Systemen installiert sein.

Etwas ähnliches gibt es nun auch für NVDA. Auch hier muss auf beiden Maschinen NVDA laufen, aber die Unterschiede sind dennoch beachtlich:

  • Sowohl NVDA als auch die Erweiterung NVDARemote sind kostenlos verfügbar. Jeder ist eingeladen einen Betrag seiner Wahl zu spenden, um eines oder beide dieser Projekte zu unterstützen.
  • NVDA braucht bekanntlich keine Administrationsrechte bei der Installation – sieht man mal von der Verwendung im Anmeldebildschirm ab. Damit dürfte eine Installation von NVDA auf einem Terminalserver o.ä. eine Administrator deutlich weniger Kopfzerbrechen machen als bei JAWS,
  • Mit JAWS und seinem Grafiktreiber hat es bei virtuellen Hosts so seine Tücken. Die akzeptieren nämlich häufig nicht, dass ein Grafiktreiber installiert werden soll, oder sind so weit von der Hardware entfernt, dass die Installation seltsame Fehlermeldungen ergibt. Deshalb war die Nutzung von JAWS-Remote in der Praxis für mich oft nicht möglich. Für “normale” Rechner sieht dies freilich anders aus.
  • Prinzipiell kann man natürlich darauf bauen, dass JAWS oder NVDA auf dem entfernten Rechner laufen und den Audiokanal zu einem umgeleitet wird. Die Verzögerung und die Audioqualität sind hier aber ein echtes Hindernis. Außerdem fällt damit jegliche Brailleunterstützung weg – nichts um von zu Hause arbeiten zu können.

NVDA Remote wird einfach als Erweiterung in ein laufendes NVDA installiert – zur Erinnerung: Es ist problemlos möglich mehrere NVDA-Versionen auf einem Rechner zu betreiben. Die Erweiterung landet allerdings in Ihrem Benutzerverzeichnis und ist somit überall verfügbar.

Die Erweiterung kann hier heruntergeladen werden:
http://nvdaremote.com/download/
Hier gibt es eine sehr knappe Beschreibung der Erweiterung:
http://nvdaremote.com/blog/

Das Release ist noch ganz frisch und man sollte daher nicht verwundert sein, dass die Beschreibung sehr knapp und die Texte noch auf Englisch sind. Es sollte noch erwähnt werden, dass die Entwickler der Erweiterung zwar bekannte Entwickler im Umfeld von NVDA sind, aber die Entwicklung nichts mit dem Team zu tun hat, das NVDA selbst entwickelt – genau wie bei diversen Erweiterungen für Firefox.

Mit NVDARemote ist NVDA wieder ein Stück näher zu JAWS & Co aufgerückt. Arbeitsplätze, die eine Verwaltung entfernter Maschinen benötigen, können nun oft auch mit NVDA betrieben werden – eine Installation des Screenreaders ist in beiden Fällen nach wie vor notwendig. Außerdem dürfte es nun einfacher sein, andere Anwender zu unterstützen, die NVDA verwenden. Hierfür gibt es bei JAWS das Tandem, aber auch da sind ordentliche Lizenzgebühren fällig.

Voice Vision: Werkzeug ohne Werkstoff?

Vor längerem hatte ich über das Projekt “The Voice” www.seeingwithsound.com geschrieben. Es handelt sich um eine recht einfache Methode Bilder in Töne umzuwandeln – sie also zu sonifizieren. Dabei geht es nicht darum sie zu beschreiben oder zu analysieren, sondern ihren Inhalt möglichst verlustfrei akustisch wahrnehmbar zu machen. Da hinter steht die Theorie von Peter Meyer, dass das menschliche Gehirn dazu in der Lage sein sollte solche Bilder die akustisch aufgenommen wurden in eine optische Wahrnehmung umzusetzen.

The Voice gibt es für den PC und für Symbian sowie Android, aber nicht für IPhone. Deshalb hat ein chinesischer Entwickler quasi den gleichen Algorithmus in einer IPhone-App namens “Voice Vision” umgesetzt. die App ist (inkl. Upgrades auf die Vollversion) kostenlos. Wer “The Voice” kennt, kommt hiermit sicher auch schnell zurecht. die Tutorials zeigen anhand von Beispielen wie Bilder “klingen”.

Nun gut, die App funktioniert wie erwartet und man kann erahnen, welche bekannten Gegenstände sich auf den Bild befinden könnten, wenn man weiß, was man vor sich hat. Es wäre also eine Frage der Übung unbekannte Bilder zu erkennen. Dabei muss man wissen, dass sich nur recht grobe Strukturen erkennen lassen können (die Auflösung ist gering und für komplexe Bilder braucht es viel Erfahrung und Wissen über optische Gesetze). Was macht man nun mit einer solchen app? Wo lässt sie sich wirklich anwenden?

Der Entwickler gibt an, dass man mit dem Tool Kanten, Türen etc. erkennen kann. Schön, aber war das bislang wirklich ein Problem? Das IPhone muss man mindestens mit einer hand halten und ausrichten – die könnte man auch zum tasten nach den gleichen Hindernissen verwenden. Außerdem ist die Auswertung der akustischen Echos von Schritten und Klicks bei vielen blinden Anwendern recht gut ausgeprägt, sodass sie auch mit vollen Händen durch die Tür finden. The Voice schlägt eine ideosonnenbrille wie Google Glasses vor. Dabei wären die Hände dann wirklich frei und man „sieht“ ohne etwas in der Hand halten zu müssen. Gleichzeitig unterstützt The Voice Spracheingaben, sodass man die Anwendung anweisen kann, ein- oder auszuzhoomen etc. Dies sind zentrale Unterschiede, die auch ü ber die tatsächliche Anwendbarkeit entscheiden dürften.

Endlich die Freundin auf einem Foto “anschauen”? Das würde nicht viel bringen, da ein solches Bild viel zu komplex wäre. Farben von Klamotten etc. können auch andere Anwendungen oder Geräte erkennen. Geschriebene Texte sollte man wohl besser durch eine OCR jagen, denn die dürfte deutlich leichter den Text extrahieren können.

Leider bietet die App nicht die Möglichkeit durch die eigenen Fotos auf dem Gerät zu stöbern und sich evtl. deutliche Abbildungen anzuhören. Das wäre vielleicht eine interessante Erweiterung.

Ich will nicht behaupten, dass die Anwendung unnütz wäre. Es ist eine Möglichkeit in die Welt der Bilder einzutauchen. The voice hilft hier wiederum, weil man beliebige Bilder öffnen kann, sodass auch einfache zeichnungen von anderen Personen in gewisser Weise erkannt werden können. Durch die Mathematik-funktion (die ausgabe von Grasfen) ist eine sehr pragmatische und interessante Anwendung gelungen.

Kurz: Ich kann mir derzeit nicht recht eine sinnvolle Anwendung vorstellen. Vielleicht hat ja einer meiner Leser eine gute Idee?

Der steinige Weg zur Inklusion

Gestern am 05.05. war ich zu einem Fachtag für den Braunschweiger Aktionsplan eingeladen. Nun ist es Zeit Bilanz zu ziehen.

In den vergangenen Jahren hat eine Arbeitsgruppe unter dem Namen „Braunschweig inklusiv“ Leitlinien zur Erstellung eines Aktionsplans erstellt. Der Fachtag sollte dazu dienen konkrete Vorschläge an die Stadt zu formulieren.

Organisiert wurde die Veranstaltung von der Lebenshilfe Braunschweig. Eingeladen waren auch der Behindertenbeirat und weitere Gäste.

In der Eröffnungsrede wurde zwar die Präambel der Leitlinie vorgelesen, aber keine konkreten Punkte hieraus. Weiterhin wurden Bedeutung und Funktionsweise der UN-BRK besprochen. Das mag zwar für einzelne Teilnehmer neu gewesen sein, aber von einem Fachtag würde ich erwarten, dass diese Grundlagen vorher bekannt sind.

Im Kern wurde in Arbeitsgruppen an Vorschlägen gearbeitet. Dabei wurde das Thema Bildung und Erziehung kurzer Hand gestrichen. Die Gruppe wäre nicht voll geworden hieß es. Leider gab es vorher keine Möglichkeit sich für eine Gruppe anzumelden bzw. die Einteilung wurde nicht auf der Anmeldung abgefragt. Ausgleichend zu diesem Ausfall wurde das Thema Wohnen in zwei Gruppen bearbeitet. Es ist bezeichnend, wenn ein so grundlegendes Thema wie Bildung und Erziehung durch eine Zusatzgruppe für das Wohnen ausgetauscht wird. Wohnen ist zwar für die Klienten der Lebenshilfe sicher ein wichtiges Thema, aber aus meiner Sicht nicht gegen ein so zentrales Thema wie die Bildung zu tauschen.

Die Einladung kündigte an, dass der Veranstalter ermitteln wolle, welche Projekte durch Kompetenz und Knowhow der Lebenshilfe unterstützt werden können. Von Projekten war allerdings in den Arbeitsgruppen kaum noch die Rede.

Im abschließenden Plenum wurden eine Reihe allgemeiner Punkte zusammengetragen, die auch hätten von einer Taskforce hätten erstellt werden können. Es bleibt abzuwarten, welche davon als konkrete Vorschläge und Forderungen an die Stadt weitergegeben werden.

Mein Fazit fällt dürftig aus. Kommentare zu den Leitlinien wurden auch in den Arbeitsgruppen zum jeweiligen Thema überhaupt nicht erwähnt geschweige denn berücksichtigt – schön dass sich Leute die Zeit genommen haben, diese zu formulieren. Der Verzicht auf Bildung wurde mehr oder weniger deutlich damit begründet, dass dies nicht im Bereich der Lebenshilfe liege. Genau, wir sind so inklusiv, dass wir nur das bearbeiten, was unserer Klientel hilft, aber bloß keinen anderen betroffenen Menschen oder gar Kindern in der gleichen Stadt? Können wir nicht über den Tellerrand hinausschauen und ist die Inklusion selbst in den eigenen Reihen noch nicht wirklich angekommen? Ein Teilnehmer merkte an, dass in den Büros der Lebenshilfe offen bar noch keiner der betroffenen selbst arbeitet. Wie wollen wir da Inklusion von unserer Umwelt einfordern?

Die Arbeitsgruppen wurden von mehrköpfigen Moderationsteams geleitet, die alle offenbar hauptamtlich bei der Lebenshilfe beschäftigt sind. Deshalb hätten die Ergebnisse konkreter und präziser sein müssen. Es ist nicht ausreichend, ein paar Schlagworte zu sammeln und diese zu clustern. Es wäre ein Erfolg gewesen, wenn aus jeder Arbeitsgruppe ein oder zwei konkrete Vorschläge mit Lösungsvorschlägen erstellt worden wären.

War die Veranstaltung also sinnlos oder gar überflüssig? Ich denke nicht! Zumindest bleibt zu hoffen, dass einige der Punkte wirklich bei Verantwortlichen landen. Ich selbst habe einen anderen Blick auf die Situation in den Werkstätten bekommen und mir ist klar geworden, wie weit der Weg für diese Menschen hin zur Inklusion noch ist.

Wie bei so vielen großen Visionen besteht der Weg aus vielen kleinen und mühsamen Einzelschritten, die alleine nur wenig Sinn ergeben. Wer diesen Weg wirklich will, muss wohl Veranstaltungen wie diese besuchen und versuchen das Beste daraus zu machen, denn es sind immer viele Akteure mit unterschiedlichen Interessen aktiv.

IPhone 5 antwortet nicht

Das IPhone hat sich mittlerweile fest als sehr gut zugängliches Smartphone für blinde Menschen behauptet. Allerdings gibt es ein paar Dinge, die wirklich seltsam anmuten.

So gut die sprachausgabe und Unterstützung durch Voiceover auch sein mögen, so irritierend ist es, dass man nur schwer in der Lage ist, ein Telefongespräch zu beenden. Man sollte meinen, dass dies eine Kernfunktion eines Mobiltelefons ist. Wahrscheinlich gibt es hierfür eine einfache Lösung, aber ich habe sie beim besten Willen noch nicht gefunden. das Doppeltippen mit zwei fingern sorgt jedenfalls nicht dafür, dass das Gespräch zuverlössig beendet wird. Also sollten besser Sie auflegen, wenn sie mit einem IPhone-Neuling mit voiceover gesprochen haben!

Eine zweite skurile Verknüpfung besteht darin, dass das Einschalten eines Weckers über Siri automatisch das Telefon auf “nicht stören” schaltet. Wehe jemand versucht sie danach anzurufen. Erkenntnis daraus: Es ist immer eine blöde Idee, wenn die Software schlauer sein will, als der Anwender. Besser man verwendet einen Schnöden Wecker jenseits des Apfeltelefons.

Zuletzt sei noch der Schalter über der Lautstärkeregelung erwähnt, der in einer Stellung das telefon nicht klingeln läßt – egal was Sie in den Menüs eingestellt haben. Das Telefon vibriert, wenn diese funktion eingeschaltet – das Handy also lautlos wird.

Wer übrigens versucht, seinen Account im appstore selbst einzurichten wird vermutlich über die Telefonnummer im Bereich der Rechnungsdaten stolpern. Hier werden zwei nicht richtig zugängliche Steuerelemente verwendet nämlich für Vorwahl und Telefonnummer. Damit klappt dann die Einrichtung des Appstores nicht und das ist ein echter Showstopper.

Kopfhörer raus! Geld her!

Als unsere lokale Filiale Der NordLB umgezogen war, wurden Geldautomaten aufgestellt, mit denen man blind per Sprachausgabe Geld abheben können sollte. Die gesichter der Mitarbeiter wurden ziemlich lang, als mein spontaner Praxistest keinerlei Sprache ergab. Nach einigem hin und her stellte sich heraus, dass für die Sprachausgabe eine spezielle software in einem Rechenzentrum hätte eingespielt werden müssen. Die Automaten blieben stumm und das Problem des Geldholens bestehen.

Nun hat sich endlich etwas getan. Der lokale Blindenverein veröffentlichte eine Mitteilung, dass die automaten ihre Sprache nun gefunden hätten und das kam mir gerade recht. Also ein zweiter Praxistest und zwar ohne sehende Hilfe.

Das ergebnis hat mich positiv überrascht. Sobald der Kopfhörer direkt neben dem Kartenschlitz eingesteckt wird, beginnt die Menüführung zu sprechen. Ein paar Anmerkungen grundsätzlicher art hätte ich allerdings:
- Es ist etwas zynisch, dass die automaten ohne Sprachausgabe mit Blindenschrift beschriftet sind (also Kartenschlitz, Geldausgabe etc.), aber die mit sprachausgabe hier keine Beschriftung haben.
- Ich hoffe, dass die Entwickler so klug waren, den Bildschirm bei Verwendung der Sprachausgabe abzudunkeln bzw. zu verschleiern um neugierigen Passanten den Einblick zu nehmen. Mindestens sollte dies eine mögliche Option zu Beginn der Menüführung sein.

Die Menüführung beginnt damit, dass erläutert wird, wie die Karte einzulegen ist und Fehler hierbei werden kommentiert. Anschließend erhält man die Optionen Kontostand oder Auszahlung. Der Hinweis, das die Geheimzahl verdeckt einzugeben ist und bestätigt werden muss ist gut. Leider wird nicht gesagt, wo die Bestätigungstaste ist (nämlich unten rechts). Anschließend kommt der Teil, der mich in seiner Lösung interessiert hat. Normalerweise wählt man den Betrag durch Tasten Links und Rechts am Bildschirm aus. Hier hat man mitgedacht und steuert dies über den Nummernblock. sodass man nur mit dem Nummernblock interagieren muss.

Fazit: das selbstbestimmte und unabhängige Abheben von Bargeld ist nun in zwei Filialen der NordLB endlich möglich. Die Menüführung ist gut umgesetzt und es gäbe nur ein paar Details nachzubessern. Vielleicht könnten die automaten, die eine Sprachausgabe anbieten sich mit einem akustischen Hinweis alle X Sekunden bemerkbar machen, damit man sie leichter findet. Es bleibt zu hoffen, dass diese Geldautomaten sich endlich in der Fläche durchsetzen und das eigenständige Abheben von geld überall möglich ist.

Chaos im Kopf: Dan nehmen Sie doch ein Wiki

Es war eine spontane Idee ein Wiki einzurichten, in dem man Tipps für behinderte Menschen sammelt. Klar, dass man in den ersten Tagen euphorisch Wissen einträgt und alle funktionen des Wiki kennenlernen möchte. Meistens ebbt die Sache dann rasch ab und man verliert die Lust, weil die software zu unhandlich ist oder es einfach wenig spaß macht.

Bei www.besonderetipps.de und der im Hintergrund arbeitenden Mediawiki-software ist das allerdings anders. Ich bin nach wie vor fasziniert von den verschiedenen Sichten auf die Daten und die Möglichkeit die Informationen dynamisch zu kategorisieren und zu verknüpfen. Damit kann ich die Idee und die Leidenschaft der Informationssammlung mit der Begeisterung über eine software kombinieren. Nun fehlt mir noch das Wissen aus den Köpfen der anderen Menschen mit Behinderungen.

Kinder jenseits der Norm: All Inclusive in die Harz IV-Werkstatt oder kämpfen gegen den Rest der Welt

Es ist noch nicht lange her, da war ich der Meinung, die großen Kämpfe des Lebens bestritten zu haben. Doch nun finde ich mich einigermaßen konsterniert in einer Situation, die alle bisherigen Herausforderung in den Schatten stellen könnte. Was ist passiert? Ich habe ein Kind mit einer Behinderung.

„Hauptsache gesund“ lautet der allgegenwärtige Kommentar von Leuten, wenn es um ein neugeborenes Kind geht. Das zeigt auf, wie groß und tief die Angst vor einem eigenen behinderten Kind ist. Was bei aller Angst und Unsicherheit aber keiner vermutet ist, dass die größte Herausforderung auf einem Nebenschauplatz und eigentlich ohne Notwendigkeit lauert.

Wenn das eigene Kind behindert geboren wird oder es einen Unfall mit dauerhaften Folgen hat, dann wird die gesamte Familie in eine andere Bahn geschleudert. Wenn es nur die eigene Behinderung wäre, könnte man selbst entscheiden, ob man sie ignoriert, verleugnet, aussitzt oder sich damit abfindet, aber beim Kind müssen Sie so entscheiden, dass Sie sich später keine Vorwürfe machen müssen. Es ist als würde man mitten in einem Theaterstück vom Regisseur beiseite genommen. „Jetzt spielen Sie den Vater eines querschnittsgelähmten Sohn! Action!“ Nur es ist kein Spiel und jede Ihrer Entscheidungen kann gravierende Konsequenzen haben. Je nach Art und Schwere der Behinderung werden Sie eines oder mehrere von folgenden dingen lernen müssen:

  • Ernähren des Kindes über eine Sonde
  • Verwendung und Pflege von Orthesen
  • Wie wird das Zuhause Rollstuhlgerecht?
  • Gebärdensprache
  • Notfallhilfe bei Krampfanfällen evtl. sogar mit Beatmungsbeutel
  • Bedienung von Kontrollmonitoren
  • Heben eines immer schwerer werdenden Kindes oder Erwachsenen

Die Liste ließe sich sicher noch um viele Punkte verlängern. Uff! Sie meinen, das würden Sie nie schaffen? Die gute Nachricht ist: Sie würden bzw. werden es schaffen. Statt über die modernsten Lernmethoden beim Lernen von Sprachen werden Sie ein punktueller Experte für Hilfsmittel und Krankengymnastik. Sie werden sich zwar verausgaben und einen Teil Ihres sozialen Umfeldes verlieren, aber Ihr Kind wird sie dafür entschädigen und Siewerden die Aufgabe mit Engagement bewältigen. Das können sie sich nicht vorstellen? Nur sehr wenige Eltern von behinderten Kindern haben das bislang nicht geschafft. Letztlich bleibt Ihnen keine Wahl, außer Sie würden Ihr Kind zu einer Pflegefamilie abgeben.

Und was ist dann die schlechte Nachricht? Nach der „Intro“ folgt der eigentliche Kampf! Er beginnt mit dem Kindergarten spätestens aber mit der Schulzeit. Sie dürfen sogar zwischen zwei ‚Wegen wählen:
All Inclusive in Exklusion! Sie brauchen nicht einmal zu suchen. Ihr zuständiges SPZ, der Kinderarzt und andere Experten werden sie auf eine Behinderteneinrichtung hinweisen. Das ist z.B. die Lebenshilfe oder die früheren Blindenschulen. Es gibt zwar auch hier Wartelisten, aber wenn sie das Kind frühzeitig anmelden, sollte es zum Kindergarten aufgenommen werden können. Ihre Unterschrift reicht, und ihr Kind wird dort ganztags von Kindergarten bis zum Ende der Schulzeit betreut. Sehr praktisch ist dabei der Fahrdienst: Das Kind wird quasi von der eigenen Wohnung direkt in die Einrichtung gebeamt – keiner sieht’s, keiner stellt seltsame Fragen und es ist dort „gut versorgt“. Dass das Beamen pro Strecke über eine Stunde dauern kann, weil ein Sammeltransport die Kameraden aus den umliegenden Ortschaften zusammenholt, steht nur im Kleingedruckten. Busfahren mach den Kindern zwar spaß, aber die Zeit fehlt dafür an anderer Stelle. Ihr Kind wird möglicherweise länger außer Haus sein, als ein erwachsener Vollberufstätiger. Wir reden hier immerhin von jedem Tag und von einem Kind das zwischen 3 und 17 oder 18 Jahren alt ist.

Bei einer Stunde Fahrzeit pro Strecke summiert sich das auf 10 Stunden in der Woche und 500 Stunden pro Jahr. Durch den ganzheitlichen Ansatz brauchen Sie sich auch meistens nicht mehr um Therapien wie Krankengymnastik, Logopädie etc. kümmern – ihr Kind käme wohl eh zu spät nachhause, um das zusätzlich zu meistern. Alle Therapien finden direkt in der Einrichtung statt. Tatsächlich sind die dort arbeitenden Therapeuten oft sehr gut und kennen sich mit den Behandlungsmöglichkeiten gut aus. Das dafür Zeit im Unterricht fehlt, trägt nicht gerade zu einem ordentlichen Bildungsniveau bei. Wie, Sie wollten ihr Kind doch nur zur Schule schicken? Tja, es ist eine Paketlösung und es kommt nicht von Ungefähr, dass die Einrichtungen rechtlich eher einem Krankenhaus oder Pflegeeinrichtung gleichgestellt sind, als einer Schule. Durch die kleinen Klassen, die vielen unterschiedlichen Behinderungen und Ausprägungen ist das Schulniveau deutlich niedriger als an einer normalen Schule – falls ein Regelschulbetrieb überhaupt stattfindet.

Ihr Kind ist dort unter Gleichgesinnten. Ob die behinderten Kinder aus der Umgebung alle so gleich sind, darf bezweifelt werden. Es gibt keine speziellen Einrichtungen für bestimmte Behinderungen, sondern höchstens Schwerpunkte. Nachdem der Strom der rein blinden Menschen Ende der 70er abzureißen begann, wurden die Blindenschulen mit einer bunten Mischung aus Lern- und Sehbehinderungen gefüllt. Das ist vermutlich weniger die Schuld der Einrichtungen, als dem medizinischen Fortschritt geschuldet. Immerhin müssen die Einrichtungen wirtschaftlich kalkulieren und die Plätze irgendwie füllen. Da landen schon mal Kinder mit sehr leichten Sehbehinderungen in einer Blindenschule (einige hätten mit einer passenden Brille sogar Autofahren dürfen), oder ein stark verhaltensauffälliges Kind wird dort wegen einer minimalen Seheinschränkung untergebracht – wohin sonst mit ihm? Das sind zumindest die Fälle, die ich selbst erlebt habe.

i.d.R. findet in solchen Einrichtungen kein Regelschulbetrieb statt. Zumindest haben die meisten Blindenschulen diesen Regelbetrieb längst eingestellt und betreuen meistens mehrfachbehinderte Kinder. Selbst wenn ein regelschulbetrieb stattfindet, bleibt eine Stigmatisierung im Lebenslauf zurück. Wenn ihr Kind also eine gute Schulausbildung machen soll, dann ist es vermutlich nicht gut in einer solchen Institution aufgehoben. Natürlich gibt es Ausnahmen. Die Blista in Marburg beispielsweise bildet nach wie vor blinde Schüler zum Abitur aus. Hinterfragen Sie also mindestens die Einrichtung kritisch. Durch die Exklusion kann das Kind keine sozialen Kontakte am Wohnort aufbauen (es ist ja von früh bis spät unterwegs). Das ist auch in einer wohnortnahen Beschulung schwierig, aber die Exklusion vermeidet dies zusätzlich und grundlegend. Ferien und Freizeit werden dadurch eher zu Einsamkeit. Das große Einzugsgebiet macht ein Besuchen der Kinder sehr schwer und der Fahrdienst trägt nicht gerade zur Erlangung von Mobilität bei.

Die Vermittlungsquote von schwerbehinderten Menschen auf dem Arbeitsmarkt ist ohnehin jenseits von Gut und Böse und die Sondereinrichtung im Lebenslauf bzw. die Abschottung statt einer Integration sind hier nicht gerade förderlich. Deshalb steht am Ende einer solchen Sonderschulkarriere oft ein Platz in einer Werkstatt für behinderte Menschen (das wäre der Glücksfall) oder ein Leben lang Harz IV. Das wäre vielleicht auch bei lokaler Beschulung nicht zu vermeiden – je nach Schwere der Behinderung etc., aber zusätzlich wiegt hier die soziale Isolation am Wohnort. Die Gruppe in der Schule wird vermutlich auseinanderbrechen und somit bleiben nur wenige Kontakte. Selbstverständlich gibt es auch Menschen, die es aus einer solchen Einrichtung in einen normalen Job geschafft haben, das ist dann allerdings schon recht selten.

Und der andere Weg? Nun, hier haben Sie die einmalige Chance zu zeigen was in Ihnen steckt. Der Weg ist lang, hart und schwer, aber am Ende lohnt es sich. Behinderte Kinder bekommen i.d.R. eine Frühförderung. Das ist eine gute Idee, denn die Kinder werden so bald wie möglich von dafür ausgebildeten Sozialpädagogen betreut und gefördert. Leider sind es die gleichen Mitarbeiter, die in Familien arbeiten, bei denen eine Betreuung durch das Jugendamt ansteht oder bereits läuft. Solche Kinder haben nämlich häufiger Defizite und die Frühförderung soll diese ausgleichen helfen. Das meine ich nicht als Kritik, aber diese Spezialisten sind darauf trainiert den Fortschritt, Entwicklungsstand und das Umfeld des Kindes zu dokumentieren. In der Formel 1 würde man sagen: Sie sind „under Inspection“. Wehe, wenn Sie nicht gut aufräumen, oder das Kind ungeeignet bekleidet ist – es wird protokolliert werden. Von nun an sind Sie mehr oder minder in einer Art Glaskasten und es ist immer wieder überraschend, wieviel über Sie bzw. Ihr Kind ohne Ihr Wissen kommuniziert wird.

Sie haben also nun das Kleingedruckte zum All Inclusive Paket gelesen und es deshalb abgelehnt. Sie haben von Inklusion und dieser UN-Behindertenrechtskonvention gehört. Sie wollen, dass ihr Kind integriert beschult wird. Sie verlassen den für Sie vorbegebenen Weg. Es beginnt mit der Suche nach einem Integrationsplatz in einer Kita. Die sind seltener als Fleischereien an ihrem Wohnort. Das liegt zumindest in Niedersachsen an den Auflagen die Kitas erfüllen müssen, um einen solchen Platz einrichten zu können. Die entsprechenden .Gesetze und Verordnungen geben vor, die behinderten Menschen bedürfen eines besonderen Schutzes. Das im Endeffekt damit das Gegenteil erzielt wird, ist in diesem Fall Ihr Pech – genauer gesagt das Pech Ihres Kindes. Es würde schon viel helfen, wenn Eltern selbst entscheiden könnten, wieviel Schutz das Kind braucht. Dann wäre eine flexiblere Gestaltung der Integration möglich. Außerdem ist nicht jeder Platz für alle Behinderungen geeignet. Wenn die Einrichtung Treppen besitzt, hat ein Rollstuhlkind schlechte Karten. Das könnte man ändern, aber solche Anpassungen dauern sehr lange. Paradoxerweise gibt es meistens auch moderne Kitas ohne Stufen etc. die dann aber keine Integrationsplätze anbieten.

Während Sie mit Kindergartenleitungen, Ämtern etc. um einen Platz für Ihr Kind ringen, dürfen Sie sich durch Widersprüche für Hilfsmittel und Therapien oder Rehamaßnahmen kämpfen. Freilich diesen Ärger hat man auch bei einer Unterbringung in einer Sondereinrichtung. Da aber, wenn Sie denn mal einen Platz gefunden haben, dort deutlich weniger Hilfsmittel verfügbar sind, müssen sie sich um die entsprechende Finanzierung kümmern. Sie müssen Erzieher (später Lehrer) für sich gewinnen, Vorurteile abbauen, Brückenschlagen etc. Ihr Kind wird nicht von der Umgebung integriert, sondern Sie bzw. Ihr Kind muss sich integrieren. Inklusion bedeutet zwar etwas anderes, aber das ist der aktuelle Zustand.
Sie müssen es ertragen, Ihr Kind in einen ungleichen Wettkampf mit anderen zu schicken und es dabei anleiten, den eigenen Weg zu gehen und sich trotz der Besonderheiten in die Umgebung einzubringen.

Die Hürden, die es zu überwinden gilt, sind umso größer, desto schwerer die Behinderung Ihres Kindes ohnehin ist. Sie werden sich aufreiben an Leuten, für die Inklusion entweder ein Modewort oder die Benachteiligung der gesunden Kinder ist. Inklusion würde zwar bedeuten, dass auch die starken gefördert würden, aber bis es so weit ist, ist es noch ein langer Weg.

Das ärgerliche daran ist, dass Sie es mit Professionellen zu tun haben, für die Sie nur ein Kunde sind. Einst trafen sich ein Huhn und ein Schwein in einer Bar. Nach einiger Zeit sagt das Huhn begeistert: „Ich mache dir einen Vorschlag. Wir eröffnen gemeinsam ein Restaurant. Als einziges Gericht bieten wir Eier mit Speck an. Was meinst du?“ Das Schwein überlegt kurz und meint dann: „Ich finde das gar nicht gut. Du bist zwar daran beteiligt, aber ich bim direkt betroffen.“

In Ihrem Fall wären Sie das Schwein und die Leute mit denen Sie Kämpfen, die stets wissen was zu tun ist, sind das Huhn. Damit nicht genug werden Gutachten oft auf Basis von Statistiken und persönlichen Einschätzungen erstellt. Eine Heilpädagogin hat sicher eine spezielle Ausbildung, aber das bedeutet noch lange nicht, dass sie sich mit allen Bedürfnissen einer Behinderung auskennt. Ihr Kind ist keine Statistik und Sie kennen es am besten. Deshalb sollten Sie sich nicht scheuen, Ihre Sicht in Ihrem Fall darzulegen. Mag sein, dass Sie ab und an damit über das Ziel hinausschießen, aber letztlich müssen Sie Ihrem Instinkt und Ihren Visionen folgen.
Das ganze fühlt sich an, wie ein Denial-Of-Service-Angriff gegen Sie, weil sie an vielen Stellen gleichzeitig kämpfen müssen.

Wenn Sie und vor allem Ihr Kind all das überstanden haben, dann winkt eine Chance auf eine Teilhabe am Arbeitsmarkt und an der Gesellschaft. Unterwegs werden Sie vielen Menschen eine andere Sicht auf Dinge gezeigt haben und der Architekt, der in seiner Klasse einen Rollstuhlfahrer hatte, wird sich vielleicht hüten nur auf schöne Treppen zu setzen. Mindestens ist Rollstuhl für ihn kein abstrakter Begriff mehr und es ist gut möglich, dass dies langfristig vieles barrierefreier machen kann. Mit etwas Glück und Engagement hat Ihr Kind sogar ein lokales soziales Umfeld aufbauen können, das einen Teil der Last der Behinderung auffangen kann. Während meines Studiums hatte ich eigentlich immer Kommulitonen, die mir Aufgaben vorgelesen haben, sodass ich Sie nicht einscannen und mühsam am PC lesen musste. Ich habe das mit Einsatz an anderen Stellen auszugleichen versucht – und der Versuch ist meistens ausreichend.

Was rate ich also Ihnen als Vater oder Mutter eines behinderten Kindes? Beide Wege sind voller Mühsal und Risiken. Der Preis für eine Sonderbeschulung ist quasi später zu entrichten und wenn sie alles für Ihr Kind tun wollen, dann sollten Sie gegen Goliath antreten. Im schlimmsten Fall verlieren Sie den Kampf und können immer noch zähneknirschend das Sorglos-Paket nutzen. Können Sie vor sich bestehen, wenn Sie es sich etwas einfacher machen und dafür die Chance auf ein integriertes und selbstbestimmtes Leben Ihres Kindes verspielen? Wenn Sie nicht wollen, dass Ihr Kind lebenslang in einer Sondereinrichtung und unter Ausschluss der Umwelt bleibt, dann müssen sie früher oder später die Integration angehen. Leichter wird es meistens in höherem Alter nicht.

Damit hier kein falscher Verdacht aufkommt: Viele der Mitarbeiter in Sonderschulen und Einrichtungen geben sich viel Mühe und leisten gute Arbeit. Ich kritisiere weniger die Arbeit der Einzelnen als das System, das zugrunde liegt. Mag sein, dass einige Fähigkeiten in einer Sondereinrichtung besser vermittelt werden können. Es ist sicher richtig, dass Kinder in solchen Schulen weniger Hänseleien ausgesetzt sind. Aber können diese Vorteile eine gewisse Isolation aufwiegen?

Was rate ich Außenstehenden? Helfen Sie wo sie können, um die unnötigen Kämpfe auf Nebenschauplätzen zu vermeiden. Wenn ihr eigenes Kind ohne Behinderung leidet, weil ein anderes mit Behinderung mehr Aufmerksamkeit in der Schule bekommt, dann bedenken Sie, dass es für das andere Kind und die grundlegende Zukunft geht. Es ist völlig in Ordnung hier eine zu starke Ungleichbehandlung nicht zu akzeptieren, aber deshalb sollten Sie Inklusion nicht gleich verteufeln und dafür stimmen, das behinderte Kind in eine andere Schule versetzen zu lassen.
Wenn Sie über Reha-Anträge oder Kindergärtenplätze entscheiden, dann versuchen Sie bitte, die Angelegenheit aus Sicht der Betroffenen zu sehen. Häufig gilt es, viele Faktoren zu berücksichtigen. Was nützt eine gute Integrationsgruppe, wenn dafür ein langer Weg für die Eltern entsteht, der eine Beteiligung an Elternabenden und anderen Veranstaltungen schwierig macht? Soll die Zukunft eines Kindes davon abhängen, ob Sie an Inklusion oder Integration glauben oder nicht? Geben Sie den Betroffenen wenigstens die Chance es zu probieren.

Wenn an Einer Schule eine Rampe fehlt, bedenken Sie statt die Kosten „für ein Kind“ zu sehen, das es doch eigentlich ein Versäumnis der Bauherren war, das nun eben nachgeholt werden muss. Wenn man völlig selbstverständlich Supermärkte ohne Stufen konstruiert, damit die Kunden die Einkaufswagen raus und rein fahren können, warum schaffen wir es nicht bei öffentlichen Gebäuden? Soll die Zukunft eines Kindes davon abhängen, dass ein Architekt Rampen „unschön“ findet oder ein erbsenzähliger Verwaltungsbeamter die Investitionen hier einsparen will? Unterstützen Sie falls möglich, dass Gebäude persee mit Rampen und Blindenschrift ausgestattet werden. Das kostet nur ein wenig mehr und hilft letztlich allen weiter. Spätestens dann, wenn Sie selbst im Alter einen Rollator brauchen, zahlt sich das für Sie aus.

Zugängliche und kostenlose Ausgabe von E-Mail-ertifikaten

Vor einiger Zeit habe ich darüber berichtet, dass PGP inzwischen gut zugänglich ist. Genauer hatte es immer an Kleopatra gehakt. Neben PGP gibt es schon lange den Standard S/MIME mit dem E-Mails signiert und verschlüsselt werden können. Das ist letztlich das gleiche Verfahren wie bei PGP, ist aber bereits in Outlook und Outlook Express (und anderen Mailprogrammen) integriert.

Diese Art von E-Mails, sind derzeit hauptsächlich beruflich interessant, weil viele der Anbieter solcher Zertifikate (man kann sich nicht einfach eines erstellen wie bei PGP) von kommerziellen Anbietern ausgegeben werden.

Allerdings gibt es diese Zertifikate auch kostenlos (genauso seriös). Dafür wurde schon vor langer Zeit die Organisation CACert.org www.cacert.org gegründet.

Ich habe mich dort registriert und bin zufällig angesprochen worden, ob ich die Webseite einmal auf Zugänglichkeit testen könnte. Das Ergebnis ist schlicht, dass sie bis auf Kleinigkeiten gut mit Screenreadern nutzbar ist. Ich bin kein WCAG oder BITV Experte, aber sie sollte gut von jedem Anwender bedient werden können.

Nachdem man sich angemeldet hat, muss man sich von mind. zwei anderen Nutzern (die eine spezielle Prüfung abgelegt haben) bestätigen lassen. Dazu trifft man sich (real) und weist sich mit seinem Ausweis aus. Anschließend kann man sich ein Zertifikat mit seinem eigenen Namen erstellen lassen, dass zum Signieren und Verschlüsseln von E-Mails benutzt werden kann.